Ökonomische und sozialpolitische Implikationen der Alterung in Deutschland - Chancen des demografischen Wandels

Namensartikel von MEA Direktor Prof. Dr. Axel Börsch-Supan

München, 2016. Viele sehen den demographischen Wandel als eine Bedrohung für Deutschland: Das Land vergreise und das Geld reiche nicht für Renten, medizinische Behandlungen und für die Pflege von älteren und alten Menschen. Denn die Geburtenrate ist niedrig, und parallel zur steigenden Zahl der Ruheständler gibt es immer weniger Junge, die in die Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung einzahlen.
Zudem bedroht der demographische Wandel - auch in diesem Punkt sind sich viele einig - die makroökonomische Entwicklung. Denn in den nächsten 20 Jahren wird sich die Bevölkerungszahl in Deutschland kaum ändern; sie schrumpft erst nach dem Tod der Babyboom-Generation. Vielen Konsumenten werden also deutlich weniger Erwerbstätige, die Güter und Dienstleistungen produzieren, gegenüberstehen. Damit sinkt das das Bruttoinlandsprodukt, und Deutschland wird in der Rangordnung der wirtschaftsstärksten Länder zurückfallen.
Pessimisten sehen auch unseren ökonomischen Lebensstandard in Gefahr. Sie fürchten, dass nicht nur die Erwerbstätigen weniger werden, sondern diese auch immer weniger produzieren werden. Weil nach gängigem Vorurteil ältere Menschen weniger produktiv sind als jüngere, bräuchte es ausreichend Maschinen und Computer – und das bedeutet enorme Kosten. Zudem tendiert eine ältere Bevölkerung dazu, Vermögenswerte abzubauen anstatt neue anzusammeln, und das macht es schwerer, neue Investitionen zu finanzieren.

Dieser tief liegende Pessimismus übersieht, dass der demographische Wandel auch positive Seiten hat, die dazu beitragen können, dass die düsteren Zukunftsprognosen nicht Realität werden. Dabei hilft es, sich klarzumachen, wie der demographische Wandel zustande kommt.

Zum einen ist die in Politik und Medien viel diskutierte niedrige Geburtenrate in Deutschland: Seit gut 40 Jahren stagniert sie – allen familienpolitischen Maßnahmen zum Trotz - bei circa 1,3 Kindern pro Frau, so dass jede neue Generation um etwa ein Drittel kleiner ist als ihre Vorgängergeneration. Ohne Zuwanderung würde die Bevölkerungszahl schon seit langem schrumpfen. Tatsächlich hat sie die niedrige Geburtenrate der Deutschen aber überkompensiert: Nicht erst seit der großen Flüchtlingswelle 2015, sondern schon in den Jahren davor ist die Bevölkerungszahl gestiegen.

Zum anderen gründet der demographische Wandel auf dem erstaunlichen Anstieg der Lebenserwartung: In jedem Jahrzehnt wächst sie um etwa zwei Jahre. Derzeit beträgt sie etwa 80 Jahre, sie hat sich damit während eines Menschenlebens um etwa 16 Jahre verlängert. Die gewonnene Zeit wird, dies ist die nächste gute Nachricht, überwiegend ohne gesundheitliche Einschränkungen verbracht. Die „gesunde Lebenserwartung“ – die Zeit bis zur ersten größeren gesundheitlichen Einschränkung – ist noch schneller angestiegen als die statistische Lebenserwartung. Dies liegt nicht daran, dass die typischen Alterskrankheiten später auftreten, denn die Biologie des Menschen ändert sich nur langsam. Sie machen sich jedoch erst später negativ bemerkbar, weil Medizin und Technik das Leben mit diesen Krankheiten deutlich erleichtern.

In den gewonnenen gesunden Lebensjahren liegt der Schlüssel dafür, dass aus der demographischen Bedrohung eine Chance werden kann. Die Lösungsansätze liegen auf der Hand: Menschen können länger arbeiten, weil sie länger gesund bleiben. Sie erhalten mehr Aus- und Weiterbildung, damit sie auch in der zweiten Lebenshälfte produktiv bleiben können. Menschen, die nach wie vor psychisch und physisch anstrengende Tätigkeiten ausüben, müssen mehr geschont werden und brauchen mehr präventive Maßnahmen.

Die moderne Forschung im Grenzgebiet zwischen den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften einerseits und der Medizin andererseits zeigt, dass all dies möglich und machbar ist. Das Munich Center for the Economics of Aging (MEA), eine Forschungsinstitution der Max-Planck-Gesellschaft, betreibt eine großangelegte Studie, die europaweit die Gesundheit der Menschen misst und mit den ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen ihres Lebens in Verbindung setzt. Dieser „Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE)“ hat seit 2004 über 110.000 Menschen befragt und deren Gesundheit gemessen, viele davon mehrfach über eine Zeitspanne von zehn Jahren. Diese Studie zeigt unter anderem die Gesundheitsentwicklung der Deutschen im Alter zwischen 60 und 69, also in dem Lebensabschnitt, über den derzeit im Rahmen der Rente mit 67 und anderer Vorschläge zur Erhöhung der Erwerbstätigkeit Älterer viel diskutiert wird. Das Ergebnis ist beeindruckend gut, und dies unabhängig davon, wie man Gesundheit misst. 78 Prozent der 60-Jährigen bezeichnen ihre Gesundheit als gut, sehr gut bis ausgezeichnet; zehn Jahre später sind es nur vier Prozent weniger. 65 Prozent der 60-Jährigen haben keine Funktionseinschränkungen; zehn Jahre später sind es mit 61 Prozent immer noch fast zwei Drittel. Hinzuzufügen ist allerdings, dass es große Unterschiede innerhalb jeder Altersstufe gibt. Diese sind viel größer als etwa der Unterschied zwischen 60- und 69-Jährigen. In Deutschland viel ausgeprägter als zum Beispiel in Skandinavien ist der Zusammenhang zwischen Bildung, Einkommen und Gesundheit: Menschen aus bildungsfernem Elternhaus verdienen in ihrem späteren Leben nicht nur weniger, sie sind auch weniger gesund; umgekehrt haben Menschen mit schlechterer Gesundheit oft Berufe, in denen sie weniger gut verdienen.

Quantitative Untersuchungen zeigen auch, dass ältere Menschen nicht notwendigerweise weniger produktiv sind als jüngere. In einer weiteren Studie des MEA wurden Fließbandarbeiter in einem deutschen Lastwagenmontagewerk intensiv beobachtet - über 1,2 Millionen Mal. Dabei wurde sichtbar, dass sich Erfahrung und körperliche Leistungsfähigkeit zu ergänzen scheinen: Die Leistungsfähigkeit sinkt zwar mit zunehmendem Alter, aber die Erfahrung steigt. Eine detaillierte Analyse zeigt, dass die 50- bis 60-jährigen Mitarbeiter insofern produktiver sind als die 25- bis 35-Jährigen, weil sie seltener schwere Fehler machen, deren Korrektur das Montagewerk besonders teuer zu stehen kommt.
Es ist also sinnvoll, die Erfahrung älterer Mitarbeiter zu schätzen, anstatt sie durch Frühverrentung zu verlieren. Ganz im Gegenteil braucht ein Land, in dem die Lebenserwartung stetig steigt, auch ein höheres Rentenalter. Eine älter werdende Belegschaft sollte künftig durch vermehrte Aus- und Weiterbildungsangebote neue Techniken erlernen und dadurch flexibel bleiben können. Auf diesem Feld sind die skandinavischen Länder ein Vorbild; dort werden über 40-Jährige erheblich stärker gefördert als in Deutschland. Eine Verbesserung der Weiterbildung und lebenslanges Lernen sind hierzulande politisch unumstritten und eine volkswirtschaftliche Binsenweisheit –bislang ist es jedoch bei Lippenbekenntnissen geblieben, weil Arbeitgeber, Arbeitnehmer und der Staat sich um die Finanzierung streiten.

Fundamentaler Pessimismus ist also fehl am Platze. Im Gegenteil: Wir leben länger, bleiben länger gesund und sammeln im Laufe unseres Lebens wertvolle Erfahrungen, die uns auch als ältere Mitarbeiter noch hochproduktiv machen. Diese Seite des demographischen Wandels gibt Grund für Optimismus. Daher sind auch seine negativen ökonomischen Auswirkungen kein unabänderliches Schicksal. Die sich verändernde Welt verlangt Anpassungen. Entscheidend dafür wäre eine erhöhte Erwerbsquote und eine gute Aus- und Weiterbildung vor allem von Älteren. Politikerinnen und Politiker  dürfen daher nicht nur auf die Kosten schauen, sondern Bildung und Gesundheit als Investitionen auffassen, die sich bis ins hohe Alter auszahlen.

Prof. Dr. Axel Börsch-Supan ist Direktor im Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München, wo er das Munich Center for the Economics of Aging (MEA) leitet.
boersch-supan@mea.mpisoc.mpg.de

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