Kindersterblichkeit, Fertilität und warum Schule wichtig ist

Ist die hohe Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern der Grund für die große Anzahl an Geburten? Und wie wirken sich Bildungsinvestitionen auf die Anzahl der Kinder und damit das Bevölkerungswachstum in Entwicklungsländern aus? Diesen Fragen geht Edgar Vogel aus dem Forschungsbereich „Makroökonomische Implikationen einer alternden Gesellschaft" nach.

Er untersucht zunächst im Rahmen eines theoretischen Modells für wie viele Kinder sich Eltern entscheiden und wie viel sie in deren Ausbildung investieren, wenn das Überleben der Kinder unsicher ist. In einem mit Daten an die reale Welt angepassten Modell zeigt er dann, dass nicht allein durch die geringere Kindersterblichkeit der Rückgang der Fertilität in entwickelten Ländern erklärt werden kann. Vielmehr ist es auch nötig, dass Schulbildung hinreichend produktiv wird, damit Eltern weniger Kinder bekommen und mehr in deren Ausbildung investieren.

Das Modell geht davon aus, dass Eltern sowohl konsumieren als auch gut ausgebildete Kinder haben möchten. Sie leiden darunter, wenn ihre Kinder arbeiten. Bei ihren Entscheidungen unterliegen Eltern einer Zeit- bzw. Budgetbeschränkung: Sie können entweder arbeiten oder Kinder bekommen und diese erziehen. Kinder können entweder auch arbeiten und damit zum Einkommen der Eltern beitragen oder zur Schule gehen.

Die Lösung des Modells ergibt folgendes Ergebnis: wenn die Überlebenswahrscheinlichkeit der Kinder niedrig ist, haben Eltern viele Kinder, die arbeiten (in der Graphik unten etwa bis zum Zeitpunkt „Time"= 15). Es wird nicht in ihr Humankapital investiert, da die Überlebenschance der Kinder gering ist. Steigt ihre Überlebenswahrscheinlichkeit im Laufe der Zeit an, werden weniger Kinder geboren. Dies hängt damit zusammen, dass weniger Kinder „nötig" sind, um das Überleben der Familie zu sichern. Der Rückgang der Fertilität ist allerdings zunächst gering. Die Kinderarbeit ist hoch. Wenn jedoch die Überlebenswahrscheinlichkeit der Kinder hinreichend groß wird, beginnen Eltern in das Humankapital des Nachwuchses zu investieren. Die Kinder arbeit nimmt ab. Erst dieser Mechanismus führt zu einem deutlicheren Rückgang der Fertilität (siehe Graphik etwa ab Zeitpunkt Time=15).

                                        

Dieser Zusammenhang ist auch auf der makroökonomischen Ebene erkennbar. Das Bevölkerungswachstum steigt zunächst an, weil mit steigenden Überlebenswahrscheinlichkeiten zwar weniger Kinder geboren werden, aber dafür mehr Kinder bis ins Erwachsenenalter überleben. Erst wenn sich die Eltern für Qualität (Bildungsinvestitionen) statt Quantität (Zahl der Kinder) entscheiden, beginnt das Bevölkerungswachstum zu fallen (siehe Graphik unten rechts).

Was können wir aus diesem Modell für heutige Entwicklungsländer lernen? Die wichtigste Erkenntnis ist, dass sinkende Sterblichkeitsraten zunächst ein starkes Bevölkerungswachstum verursachen. Einen Rückgang des Bevölkerungswachstums kann man erst erreichen, wenn auch Investitionen in Bildung rentabel sind und somit Eltern ihre Fertilität freiwillig senken.

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From Malthus to modern growth: child labor, schooling and human capital
MEA Discussion Paper: 180-09 Edgar Vogel