Was ist die beste Rentenanpassungsformel?

Die derzeitige Rentenanpassungsformel wird immer wieder von verschiedenster Seite kritisiert. Sie sei zu kompliziert, intransparent und nicht nachvollziehbar lauten dabei die Vorwürfe. Die MEA-Forscher Dr. Martin Gasche und Sebastian Kluth haben nun untersucht, welche Rentenanpassungsformel gemessen an bestimmten Kriterien die beste ist. Es zeigt sich, dass die bestehende Rentenanpassungsformel besser ist als ihr Ruf, da sie meist einen Kompromiss zwischen gegensätzlichen Zielen findet. Allerdings könnte die Rentenanpassungsformel, ohne Abstriche hinsichtlich der Ergebnisse machen zu müssen, erheblich vereinfacht werden.

Historisch betrachtet war von Anfang an die Bruttolohnanpassung für die Dynamisierung der Renten zentral. Das heißt, die Renten wurden genauso erhöht, wie die Bruttolöhne der Arbeitnehmer gestiegen sind. Damit wurde eine Beteiligung der Rentner am Produktivitätsfortschritt erreicht. Im Vordergrund stand, den Rentnern ein bestimmtes Rentenniveau zu gewähren. Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und der mit ihr verbundenen Finanzierungsprobleme der Gesetzlichen Rentenversicherung fand ein Paradigmenwechsel weg von der reinen Rentenniveauorientierung hin zu einer stärkeren Beitragssatzorientierung statt. Diese Neuausrichtung wurde durch eine Umgestaltung der Rentenanpassungsregel bewerkstelligt. Die reine Bruttolohnanpassung wurde aufgegeben und in der Rentenanpassungsformel neben dem Lohnfaktor weitere Faktoren eingefügt, die dafür sorgen sollten, dass die Rentensteigerungen etwas hinter den Lohnsteigerungen zurückbleiben und damit der Beitragssatz nicht so stark erhöht werden muss. Mehrere Korrekturen der Formel haben zur heutigen Rentenanpassungsformel geführt, die sich aus zwei Lohnfaktoren, einem Beitragssatzfaktor sowie einem Nachhaltigkeitsfaktor zusammensetzt. Daneben existieren mit der Rentengarantie, welche ein nominales Absinken der Rente verhindert, und dem Nachholfaktor, durch den die unterbliebenen Rentenkürzungen in besseren Zeiten nachgeholt werden, zwei Sonderregelungen, die die jährliche Anpassung zusätzlich verkomplizieren.

Doch eine Rentenanpassungsformel sollte nicht nur nach ihrer Komplexität beurteilt werden. Wichtiger ist, dass die derzeitige Rentenanpassungsformel für eine Beteiligung der Rentner am Produktivitätsfortschritt sorgt, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Beitragssatzstabilisierung und Rentenniveaustabilisierung gewährleistet, die intergenerative Ungleichbehandlung in Grenzen hält und sicherstellt, dass die in den Rentenversicherungsbeiträgen enthaltene implizite Besteuerung - also das Ausmaß, in dem den Beitragszahlungen keine entsprechenden Rentenleistungen gegenüberstehen - im Zeitverlauf nicht so stark zunimmt. Zudem wirkt die derzeitige Anpassungsformel gegenüber demographischen Veränderungen systemstabilisierend, genauso wie gegenüber konjunkturellen Schocks.

Andere Anpassungsformeln weisen hier deutlich schlechtere Eigenschaften auf. So führt eine Rentenanpassung gemäß der Lohnsummenentwicklung oder eine Rentenanpassung gemäß der Inflationsrate zu einer kontinuierlichen Reduktion des Rentenniveaus, was eine starke intergenerative Ungleichbehandlung erzeugt. Auch eine Rentenanpassungsformel mit demographischem Faktor würde - solange die Lebenserwartung weiter steigt - ein kontinuierlich sinkendes Rentenniveau implizieren. Eine reine Bruttolohnanpassung der Renten würde dagegen zwar das Rentenniveau konstant halten, jedoch zu einem Beitragssatz von langfristig über 30% führen. Eine Lohnsummenanpassung oder eine Kombination aus Lohnsummenanpassung und Inflationsanpassung können selbst bei einem über die Zeit konstanten Rentenquotienten keine Stabilisierung des Rentenniveaus und des Beitragssatzes erreichen. Die Systeme wären demographisch instabil.

Die derzeitige Rentenanpassungsformel ist also besser als ihr Ruf. Nahezu die gleichen Ergebnisse wie mit der Status-quo-Formel können allerdings mit einfacheren Formeln wie einer Kombination aus Lohnanpassung mit Beitragssatzfaktor oder Lohnanpassung mit Nachhaltigkeitsfaktor erzielt werden. Der Nachhaltigkeitsfaktor wird dabei „intergenerativ fair" gestaltet, so dass er die demographische Belastung, die aus einer zunehmenden Anzahl an Rentnern im Vergleich zur Anzahl an Beitragszahlern resultiert, hälftig auf Beitragszahler und Rentner aufteilt.

Insgesamt kommen Gasche und Kluth zu dem Schluss, dass die beste Rentenanpassungsformel nur noch einen Lohnfaktor und einen (intergenerativ fairen) Nachhaltigkeitsfaktor berücksichtigt. Der Lohnfaktor wiederum könnte vereinfacht werden, wenn man nur noch die Entwicklung der versicherungspflichtigen Löhne einbezöge. Solch eine einfache und zugleich intergenerativ faire Rentenanpassungsregel ließe sich der Bevölkerung weitaus leichter vermitteln als die derzeit gültige Formel und würde zur Stärkung der allgemeinen Akzeptanz der Rentenversicherung beitragen.

Mehr Informationen:
Auf der Suche nach der besten Rentenanpassungsformel. MEA Discussion Paper 241-11: Gasche, Martin; Kluth, Sebastian