Konsumeinbruch bei Renteneintritt und Eigenproduktion

Was passiert mit dem Konsum bei Renteneintritt? Diese Frage haben sich Ökonomen gestellt und fanden dabei Erstaunliches: die Konsumausgaben von frischgebackenen Rentnern sind in vielen Ländern deutlich niedriger als die von Erwerbstätigen kurz vor Renteneintritt - und zwar in Deutschland um etwa 17%, wie die Analyse der Forscherin Melanie Lührmann zeigt.

Da das Konsumniveau auch als Wohlstandsindikator benutzt wird, ist dieser abrupte Ausgabenrückgang besorgniserregend. Außerdem steht er in deutlichem Widerspruch zu einem der bekanntesten Modelle ökonomischen Verhaltens, dem Lebenszyklusmodell. Es geht davon aus, dass Menschen ihr Leben planen und während des Erwerbslebens sparen, um im Alter ihr Konsumniveau konstant halten zu können. Muss dieses Verhaltensmodell jetzt überdacht werden? Und viel wichtiger: Planen die Menschen ihre finanzielle Vorsorge für das Alter nicht rechtzeitig und sind somit gezwungen, ihre Konsumausgaben zu reduzieren, wenn sie in Rente gehen?

Um diese Fragen zu beantworten, haben sich vorrangig amerikanische und englische Forscher bemüht, Gründe für den Rückgang der Konsumausgaben bei Renteneintritt zu finden. Mehrere mögliche Erklärungen wurden gefunden: Erstens fallen einige Ausgabenposten weg, wenn Menschen aufhören zu arbeiten. Sie brauchen dann weder Arbeitskleidung noch müssen sie täglich Geld für das Mittagessen außer Haus ausgeben; und auch das tägliche Pendeln zur Arbeit fällt weg. Zweitens könnte es sein, dass die Menschen zwar ihren Ruhestand sorgfältig geplant haben, dieser Plan aber durch unvorhersehbare Ereignisse durcheinander gewirbelt wird. Ein Beispiel dafür wäre schlechte Informiertheit über die Ressourcen, die in der Rente zur Verfügung stehen, eine andere Möglichkeit wäre, dass der Hauptverdiener im Haushalt einen Gesundheitsschock erleidet, der ihn dazu zwingt, früher in Rente zu gehen als geplant. In diesem Fall geht ein Teil des eingeplanten zukünftigen Verdienstes verloren und der Haushalt muss evtl. sein Konsumniveau nach unten anpassen. Der dritte Erklärungsansatz argumentiert, dass zwar die Konsumausgaben sinken, aber der Konsum unter Umständen unverändert bleibt. Dies kann nur funktionieren, wenn ein Teil der zusätzlich in der Rente gewonnenen Freizeit dazu eingesetzt wird, Güter und Dienstleistungen, die während des Erwerbslebens am Markt bezogen wurden, nun selbst zu produzieren. Beispiele für eine solche Eigenproduktion sind das Kochen von Essen zu Hause, das Ersetzen der Haushaltshilfe durch eigenes Putzen, die Reduktion von Konsumausgaben durch das längere Suchen nach Sonderpreisen usw. In ihrer Studie zeigt Melanie Lührmann für deutsche Haushalte, dass dieser Effekt tatsächlich einen Teil des Rückgangs der Konsumausgaben erklären kann, denn die Zeit, die täglich für Eigenproduktion verwendet wird, steigt um 82 Minuten. Die Untersuchung verdeutlicht jedoch auch, dass die Eigenproduktion deutscher Rentner nicht hoch genug ist, um ihn komplett zu erklären.


mehr Informationen:

Consumer Expenditures and Home Production at Retirement - New Evidence from Germany
MEA Discussion Paper: 120-07 Melanie Lührmann