Unisex-Versicherungsverträge erreichen ihr Ziel nicht

Aus ökonomischer Perspektive sind Finanzprodukte mit einer regelmäßig gleichbleibenden Auszahlung (Annuitäten) gut für die Altersvorsorge geeignet. Sie gewähren einen kontinuierlichen Geldzufluss bis ans Lebensende. Plötzliche Finanzengpässe aufgrund auslaufender Verträge oder aufgezehrtem Vermögens können also ausgeschlossen werden. Gemessen an dieser Sichtweise finden Leibrenten weltweit eine viel zu geringe Beachtung. Dies wird häufig auf deren hohe Preise zurückgeführt. Staatliche Zuschüsse können dabei helfen, dieses Problem zu lindern. Hier findet sich die Zielsetzung der so genannten „Riester-Rente" wieder.

Neben der gesetzlichen Pflichtvorsorge und der betrieblichen Vorsorge soll die Riester-Rente als dritte Säule der Altersvorsorge den Grundstein für die private Altersvorsorge legen. Gerade weil sie die tendenziell rückläufigen Auszahlungen der ersten Säule kompensieren soll, wurde viel über die geschlechtsspezifische Kalkulation im Riester-System diskutiert. Denn Frauen werden im Vergleich zu staatlichen Rente meist schlechter gestellt. Die Erklärung hierfür ist einfach: Frauen leben im Durchschnitt länger als Männer, daher erhalten sie für einen fixen Einzahlungsbetrag eine geringere monatliche Auszahlung. Aus versicherungsmathematischer Perspektive sind Frauen dennoch nicht benachteiligt: Für Frauen und Männer gilt die gleiche entscheidende Kalkulationsgrundlage - der Barwert.

Seit einer Gesetzesänderung Anfang 2006 werden nur noch Altersvorsorgeprodukte gefördert, die auf einer Unisex-Kalkulation basieren. Die Studie von MEA-Forscher Hans-Martin v. Gaudecker und Carsten Weber nutzt diese Gesetzesänderung, um die Wirkung auf die Auszahlungsbeträge festzustellen. Da man nicht weiß, wie Männer und Frauen auf die Tarifänderung reagieren werden, sind die Effekte zunächst unklar: Wenn die Versicherer erwarten würden, dass Männer und Frauen ihr Kaufverhalten trotz der Unisex-Tarife nicht änderten, so erreichte man das Ziel. Die nunmehr gleichen monatlichen Auszahlungen lägen auf einem Niveau, das sich etwa in der Mitte der ursprünglichen Auszahlungen von Frauen und Männern befände. Wenn aber andererseits die Versicherungsunternehmen Ausweichreaktionen der Männer aufgrund der für sie nun schlechteren Bedingungen erwarten (zum Beispiel durch den Abschluss eines Vertrags vor Inkrafttreten der Gesetzesänderung, den Kauf von nicht geförderten Policen oder dass sie überhaupt keine Rentenversicherung abschließen), sind im Extremfall nur Frauen versichert. Diese erhalten dann aber die gleichen Konditionen wie vorher. Die Reform hätte ihr Ziel verfehlt. Frauen wären genauso gestellt wie vor der Reform - Männer aber schlechter.

Die Analyse der Marktpreise vor und nach der Reform zeigt zunächst, dass die Riester-Rente aufgrund der staatlichen Förderung eine attraktive Geldanlage zur Altersvorsorge darstellt. Allerdings verfehlt die Unisex-Reform ihr Ziel. Frauen bekommen kaum mehr als vorher, Männer hingegen deutlich weniger.


mehr Informationen:

Mandatory Unisex Policies And Annuity Pricing: Quasi-Experimental Evidence From Germany
MEA Discussion Paper: 108-06 Hans-Martin von Gaudecker, Carsten Weber