Zehn Missverständnisse im Zusammenhang mit der Rente ab 67

Mannheim, 2010. Die Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters auf 67 Jahre (Rente mit 67) ist Teil eines Bündels an Reformmaßnahmen, mit denen die Gesetzliche Rentenversicherung stabilisiert werden soll. Obgleich die immer weiter zunehmende Lebenserwartung die Ausweitung der Erwerbsphase nahelegt, ist die Rente mit 67 in der Bevölkerung höchst unbeliebt. Dies dürfte aber zum Großteil auf verschiedene Missverständnisse bezüglich der Rente mit 67 zurückzuführen sein.

Martin Gasche, Tabea Bucher-Koenen, Annette Holthausen und Sebastian Kluth haben zehn zentrale Missverständnisse über die Rente mit 67 aufgezeigt und erläutert.

Missverständnis 1: Für alle gilt das Renteneintrittsalter von 67 Jahren
Die Erhöhung des Renteneintrittsalters greift nicht sofort, sondern beginnt erst im Jahr 2012. Dabei wird das Renteneintrittsalter über einen Zeitraum von 17 Jahren in kleinen Schritten angehoben, sodass die Altersgrenze von 67 Jahren nur für heutige Versicherte unter 47 Jahren gilt. Außerdem erlaubt eine Ausnahmeregelung Versicherten, die mindestens 45 Jahre Beiträge zur Rentenversicherung geleistet haben, einen abschlagsfreien Renteneintritt mit 65.

Missverständnis 2: Durch die Rente mit 67 bezieht man zwei Jahre weniger Rente
Da die Lebenserwartung schneller steigt als das Renteneintrittsalter erhöht wird, wird zukünftig im Durchschnitt trotz der Rente mit 67 über einen längeren Zeitraum hinweg als heute Rente bezogen werden können.
Bis zum Jahr 2029 wird ein Anstieg der Lebenserwartung um mehr als drei Jahre prognostiziert; d.h. bei einem zwei Jahre späteren Renteneintritt wird sich die durchschnittliche Gesamtbezugszeit der Rente dennoch um über ein Jahr verlängern.

Missverständnis 3: Die Rente mit 67 bewirkt keine relevante Beitragssatzsenkung in der gesetzlichen Rentenversicherung
Durch die Anhebung des Rentenseintrittsalters werden die Beitragssätze zur gesetzlichen Rentenversicherung bis 2030 um 0,5 bis 0,8 Prozentpunkte geringer ausfallen als bei einer Beibehaltung des derzeitigen Renteneintrittsalters. Bis zum Jahr 2050 erhöht sich das Beitragssatzsenkungspotential auf einen Prozentpunkt. Dies ist sicherlich ein moderater Effekt, allerdings durchaus beachtenswert in Anbetracht der Tatsache, dass der lohnsteuerähnliche Charakter der Beitragssatzerhöhungen negative Beschäftigungswirkungen hat.

Missverständnis 4: Nur wegen einer (geringen) Beitragssatzsenkung in der gesetzlichen Rentenversicherung braucht man die Rente mit 67 nicht zu machen
Die Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters wirkt sich nicht nur auf die gesetzliche Rentenversicherung aus, sondern bringt zusätzliche positive Effekte mit sich, da das spätere Renteneintrittsalter zu einer höheren Anzahl an erwerbstätigen Personen führt. Je nach Annahmen über die Erwerbsneigung Älterer kann die Beschäftigung durch die Rente mit 67 bis 2030 um 1 Mio. bis 1,7 Mio. Personen zunehmen. Ein Anstieg der Erwerbstätigkeit wirkt sich positiv auf das Wirtschaftswachstum aus, erhöht die Steuereinnahamen und die Einnahmen der anderen Sozialkassen. In der Gesetzlichen Krankenversicherung z.B. kann bis 2030 allein durch die Rente mit 67 der Beitragssatz um 0,5 bis 1,0 Prozentpunkte niedriger liegen, da erwerbstätige Personen in der Regel mehr verdienen und deshalb höhere Beiträge zahlen, als wenn sie schon in Rente wären.

Missverständnis 5: Die Rente mit 67 ist ein Rentenkürzungsprogramm
Diese Sichtweise würde voraussetzen, dass die Rentenversicherten ihr geplantes persönliches Renteneintrittsalter nicht verändern und mit Abschlägen zum gleichen Zeitpunkt wie bei der Rente mit 65 in Rente gehen. Dem steht entgegen, dass durch eine Ausweitung der Erwerbszeit zusätzliche Rentenansprüche erworben werden. Die Monatsrente kann durch Ausweitung der Erwerbszeit sogar erhöht werden.

Missverständnis 6: Erst wenn sich die Beschäftigungsquote der Älteren erhöht hat, kann man die Altersgrenzen anheben
Bei dieser Aussage werden Ursache und Wirkung verwechselt: Die Altersgrenzenanhebung sorgt dafür, dass die Erwerbstätigkeit der Älteren steigt.
Über den Zeitraum der letzten zehn Jahre ist - auch aufgrund vorangegangener Altersgrenzenanhebungen (Frauen, Rente bei Arbeitslosigkeit) und die Einführung von Abschlägen - die Erwerbstätigkeit der Personen über 60 Jahren bereits stark angestiegen. Die dennoch unterdurchschnittliche Beschäftigungsrate älterer Personen ist nicht nur, wie in der aktuellen Diskussion häufig suggeriert, an körperliche Beeinträchtigungen und die schlechten Beschäftigungsmöglichkeiten Älterer geknüpft, sondern hängt stark von Regelungen wie beispielsweise der Altersteilzeit ab, die einen frühen Renteneintritt begünstigen.

Missverständnis 7: Die Alten nehmen den jungen Menschen die Arbeitsplätze weg
Aufgrund des demographischen Wandels wird zukünftig die Anzahl der Personen im erwerbsfähigen Alter zurückgehen und das Arbeitsangebot sogar trotz der Rente mit 67 sinken.
Überdies beruht dieses Argument auf der falschen Annahme, dass die nachgefragte Menge an Arbeit eine feste Größe darstellt, die auf die Erwerbstätigen aufgeteilt werden muss. Dies stimmt nicht, da durch mehr Arbeit mehr Einkommen erzielt wird. Das zusätzliche Einkommen kann ausgegeben werden, d.h. es führt zu einer erhöhten Nachfrage an Gütern und Dienstleistungen. Dadurch erhöht sich wiederum die Nachfrage nach Arbeit, die zur Bereitstellung dieser Güter und Dienstleistungen benötigt wird.

Missverständnis 8: Die älteren Arbeitnehmer sind gesundheitlich so beeinträchtigt, dass sie nicht mehr arbeiten können
Da die Rente mit 67 erst im Jahr 2029 vollständig greift, ist nicht der heutige, sondern der zukünftige Gesundheitszustand der Arbeitnehmer relevant. Zum einen wird sich der durchschnittliche Gesundheitszustand der älteren Arbeitnehmer im Jahr 2029 im Vergleich zu heute verbessert haben. Zum anderen werden die Beschäftigungszahlen in gesundheitlich belastenden Branchen wie beispielsweise dem Hoch- und Tiefbau zukünftig abnehmen. Dennoch könnten in solchen Branchen betriebs- oder branchenspezifische Lösungen zur Kompensation von gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei Älteren sinnvoll sein.

Missverständnis 9: Ältere Arbeitnehmer sind weniger produktiv
Die Produktivität eines Arbeitnehmers hängt sowohl von seinen physischen und kognitiven Fähigkeiten als auch von seiner Erfahrung ab. Während im Alter die kognitiven und körperlichen Fähigkeiten tendenziell sinken, steigt die auf Erfahrung beruhende Leistungsfähigkeit zunehmend an. Die Produktivität Älterer muss also keinesfalls niedriger sein. Insbesondere in der Teamarbeit können die altersbedingten Unterschiede genutzt werden und bei einer entsprechenden Zusammensetzung der Teams sogar zu Produktivitätssteigerungen führen.

Missverständnis 10: Je früher der Renteneintritt, umso besser für die Menschen
Dass die Menschen sich immer besser fühlen sobald sie aufhören zu arbeiten und in Rente gehen ist keinesfalls klar. Studien über den Einfluss des Renteneintritts auf die körperliche und seelische Gesundheit sowie auf die Sterbewahrscheinlichkeit liefern unterschiedliche Ergebnisse. Bis heute ist unklar, ob die (Lebens-)Veränderungen durch den Renteneintritt einen positiven oder negativen Einfluss auf das Wohlbefinden der betroffenen Personen haben.

 

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Zehn Missverständnisse im Zusammenhang mit der Rente mit 67
MEA Discussion Paper 209-10 Gasche, Martin; Bucher-Koenen, Tabea; Holthausen, Annette; Kluth, Sebastian
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