Kommentar: Die Rente mit 67 - eine Geschichte voller Missverständnisse

Die überaus unpopuläre Rente mit 67 ist in die Schlagzeilen zurückgekehrt, zum einen weil die SPD nun kurioserweise von jener Reform abrückt, die einst von ihrem ehemaligen Parteivorsitzenden und Bundesarbeitsminister durchgesetzt wurde. Zum anderen - und das ist wichtiger - weil laut Gesetz 2010 eine Überprüfung der geplanten Altersgrenzenanhebung ansteht. Die geringe Popularität der Rente mit 67 ist auch darin begründet, dass die Geschichte der Rente mit 67 eine Geschichte voller Missverständnisse ist.

Das erste Missverständnis besteht darin, dass man glaubt, die Altergrenze von 67 würde für jeden gelten. Das ist falsch. Das Renteneintrittsalter von 67 gilt nicht heute und auch nicht morgen, sondern erst 2031, wenn der Geburtsjahrgang 1964 in Rente geht. Bis dahin wird das Regeleintrittsalter ab 2012 jährlich in Monatsschritten und ab 2024 in Zweimonatsschritten angehoben. Menschen des Jahrgangs 1947 dürfen z.B. nicht schon an ihrem 65. Geburtstag in Rente gehen, sondern erst einen Monat später. Niemand muss also von heute auf morgen zwei Jahre länger arbeiten.

Das zweite Missverständnis hängt mit dem Argument zusammen, dass man im Vergleich zu den heutigen Rentnern ungerecht behandelt wird, weil man zwei Jahre länger arbeiten muss. Der 65-Jährige im Jahr 2030 wird laut der eher konservativen Prognose des Statistischen Bundesamtes rund drei Jahre länger leben als ein 65-Jähriger heute. Von diesen drei zusätzlichen Lebensjahren muss er zwei Jahre länger arbeiten und ein Jahr kann er länger Rente beziehen. Er bekommt im Vergleich zum heutigen 65-Jährigen also ein Jahr geschenkt. Zum geschenkten Jahr hinzu kommt die Tatsache, dass er gesünder sein wird als ein 65-Jähriger heute.

Das führt zum nächsten Missverständnis: Man argumentiert, dass ein 67- Jähriger bestimmte Tätigkeiten nicht mehr verrichten kann (der berühmte Dachdecker) und hat dabei den 67-Jährigen von heute im Blick. Der 67- Jährige von heute muss aber nicht aufs Dach, sondern schlimmstenfalls der 67-Jährige im Jahr 2030. Dieser wird aber mindestens so gesund und fit sein wie ein 63-Jähriger heute. Man muss also auf die heute 63-Jährigen schauen, um zu beurteilen, ob jemand 2030 eine Tätigkeit mit 67 noch machen kann. Und selbst wenn er körperlich nicht mehr fit sein sollte, gibt es viele Möglichkeiten, erfahrene Handwerker anders einzusetzen. Außerdem wird sich der Trend zu einer geringeren Zahl körperlich schwerer Tätigkeiten fortsetzen.

Hier kommt das nächste Missverständnis ins Spiel: Man schaut auf die Arbeitsbedingungen und den Arbeitsmarkt von heute und argumentiert, dass es für ältere keine Arbeitsplätze gäbe. Auch das ist falsch. Der Arbeitsmarkt 2030 wird ganz anders aussehen als der heutige Arbeitsmarkt. Gerade in diesen Tagen wird der Fachkräftemangel beklagt. Gut ausgebildete Mitarbeiter frühzeitig in Rente zu schicken, wird 2030 bei demographiebedingt 5 Mio. weniger Erwerbstätigen ein Luxus sein, den sich kein Unternehmen mehr leisten können wird.

Auch der Blick auf die heutigen Beschäftigungsquoten Älterer ist schlichtweg irrelevant. Denn die 66-Jährigen sollen ja nicht heute einen Arbeitsplatz haben, sondern Mitte der 2020er Jahre. Außerdem darf man nicht mit zahlreichen Politikmaßnahmen erst die Frühverrentung fördern, wie in den letzten Jahrzehnten geschehen, und dann mit dem Hinweis auf die niedrige Beschäftigungsquoten Älterer die Rente mit 67 kippen. Dass Ältere den Jüngeren die Arbeitsplätze wegnehmen, ist gesamtwirtschaftlich gesehen sowieso Unsinn und wird in Zukunft noch ein viel größerer Unsinn sein.

Das nächste Missverständnis besteht darin, dass man die Rente mit 67 nur macht, um den Beitragsatz in der Rentenversicherung nicht so stark steigen zu lassen. Angeführt wird dann der geringe Beitragssatzeffekt von 0,5%-Punkten. Zum einen sei angemerkt, dass langfristig, also über 2030 hinaus, der Effekt viel größer sein wird. Zum anderen werden auch die anderen Sozialkassen entlastet. Beschäftigte zahlen z.B. höhere Krankenversicherungsbeiträge als Rentner. Wenn bis 67 gearbeitet wird, ist zudem das gesamte Wachstumspotential der Volkswirtschaft größer und damit auch die Steuereinnahmen.

Hier spielt ein weiteres Missverständnis rein: Ältere sind keinesfalls grundsätzlich weniger produktiv als jüngere Menschen. Fazit: Die Rente mit 67 ist richtig und wäre vielleicht nicht ganz so unpopulär, würde es die zahlreichen Missverständnisse nicht geben.


mehr Informationen

Zehn Missverständnisse im Zusammenhang mit der Rente mit 67
MEA Discussion Paper 209-10 Gasche, Martin; Bucher-Koenen, Tabea; Holthausen, Annette; Kluth, Sebastian
Foto: Fotolyse - Fotolia.com

Dieser Beitrag erschien als Gastkommentar von Dr. Martin Gasche bei DowJones Deutschland
[http://www.dowjones.de/site/2010/08/die-rente-mit-67-eine-geschichte-voller-missverst%C3%A4ndnisse.html].