Auch ein unverhoffter Kindersegen ersetzt nicht notwendige Rentenreformen

Die Deutschen bekommen wenig Kinder. Das hat schwerwiegende Konsequenzen für Wirtschaftswachstum und Renten. Steigende Geburtenraten könnten die Probleme der Bevölkerungsalterung am einfachsten lösen, das Rentensystem auch ohne Reformen konsolidieren und das Wirtschaftswachstum ankurbeln, heißt es gemeinhin. Dass das so nicht ganz zutrifft, haben Barbara Berkel, Axel Börsch-Supan, Alexander Ludwig und Joachim Winter belegt und damit der Idee vom allheilenden Kindersegen ein wenig an Glanz genommen.

Grundsätzlich wirkt der Alterungsprozess einer Gesellschaft eindeutig negativ auf das Wirtschaftswachstum. Insbesondere wenn die „Babyboomer" in den Jahren 2020 bis 2040 in Rente gehen, wird sich das Alterungsproblem verschärfen. In einer schrumpfenden Bevölkerung besteht langfristig immer das Problem, dass weniger Erwerbstätige einen größeren Anteil älterer Personen versorgen müssen. Durch eine höhere Geburtenrate kann die Belastung durch Steuern und Sozialabgaben langfristig sinken, das Humankapital einer Gesellschaft erhöht werden und somit ein positiver Wachstumseffekt entstehen. Doch verursachen Kinder auf kurze Sicht zunächst zusätzliche Kosten, die von der Gesellschaft zu tragen sind. Für eine alternde Gesellschaft sind die Effekte einer höheren Geburtenrate auf das Wirtschaftswachstum deshalb umstritten.

Mit Hilfe eines makroökonomischen Simulationsmodells gingen die Wissenschaftler der Sache auf den Grund. Sie nahmen an, dass die gesamtdeutsche Geburtenrate von derzeit 1,3 auf 1,8 Kinder pro Frau ansteigt. Eine Geburtenrate dieser Größenordnung kann man derzeit in Frankreich (1,8), in Dänemark (1,6), Norwegen (1,7) und den Vereinigten Staaten (1,9) finden. Alternativ wurde auch von einem Szenario ausgegangen, in dem die Geburtenrate auf 1,1 Kinder pro Frau fällt. Dies entspricht ungefähr der Geburtenrate einiger südeuropäischer Länder (Spanien 1,1 oder Italien 1,2) sowie vieler osteuropäischer Länder (z.B. Bulgarien 1,1, Tschechische Republik 1,1). Ziel war es, die gesamtwirtschaftlichen Effekte einer Geburtenrate, die sich in der Größenordnung anderer Länder bewegt, mit adäquaten Mitteln zu quantifizieren. Man betrachtete die Auswirkungen auf die Preise für die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital, den Reallohn und die Kapitalrendite, das Produktivitätswachstum der Gesamtwirtschaft sowie das Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum.

Die Analyse der Simulationsergebnisse ergab, dass eine höhere Geburtenrate in einer alternden Gesellschaft langfristig tatsächlich das gesamtwirtschaftliche Wachstum steigert. Mit einer Verzögerung von 20 Jahren führt sie zu mehr produktiver Erwerbsbevölkerung. Durch diesen größeren Pool an Beschäftigten kann die Alterslast einer Gesellschaft auf mehr Schultern verteilt werden.

Kurzfristig ergeben sich jedoch wie vermutet Wachstumseinbußen. Mehr Kinder müssen von der Gesellschaft versorgt und ausgebildet werden. Statt zu investieren werden Ressourcen für den Konsum der Kinder benötigt. Daher sinken der Kapitalbestand und das Wirtschaftswachstum pro Kopf. Darüber hinaus sinken die Pro-Kopf-Größen schon allein rein rechentechnisch, da der zu verteilende Kuchen auf eine größere Anzahl von Personen - nämlich auch auf die Kinder - aufgeteilt werden muss.
Dieser Übergangseffekt hält gerade so lange an, bis (a) die höhere Geburtenrate im Jahre 2015 erreicht ist, (b) die Kinder ausgebildet sind und mit 20 Jahren ins Erwerbsleben eintreten und (c) die Wachstumseinbußen durch die Kosten der Kinder wieder hereingeholt sind. Dies macht insgesamt immerhin einen Zeitraum von ungefähr zwei Generationen aus!
Zusätzlich verjüngen Kinder das Durchschnittsalter einer Gesellschaft und erhöhen ihr Humankapital. Berücksichtigt man Humankapital in dem Modell, führt dies zu einer höheren Produktivität und somit zu positiven Wachstumseffekten. Die beschriebenen zunächst negativen Effekte einer höheren Geburtenrate verringern sich. Der positive Wachstumseffekt einer höheren Geburtenrate tritt schneller ein und ist deutlicher ausgeprägt, wenn der Humankapitaleffekt das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum beschleunigt. In diesem Fall wächst auch langfristig das Bruttonationaleinkommen pro Kopf.

Aus diesem Grund kann eine höhere Geburtenrate eine Reform der sozialen Sicherungssysteme zur Lösung der unmittelbaren Alterungsprobleme nicht ersetzen. Bleiben notwendige Reformen weiterhin aus, wird es mit oder ohne Kindersegen zu einer Krise der gesetzlichen Renten- und Krankenversicherung zwischen 2020 und 2040 kommen.

Ungeachtet dessen würde eine höhere Geburtenrate aber deutlich das langfristige Alterungsproblem nach 2040 dämpfen. Hierzu ist es jedoch unerlässlich, dass steigende Geburtenraten mit einer effektiven Bildungspolitik einhergehen, die das Innovationspotential der kommenden Generationen voll ausschöpft, damit ein Kindersegen auch seine volle Wachstumskraft entfalten kann.

mehr Informationen:

Berkel, Barbara; Börsch-Supan, Axel; Ludwig, Alexander; Winter, Joachim (2004): Sind die Probleme der Bevölkerungsalterung durch eine höhere Geburtenrate lösbar?, Perspektiven der Wirtschaftspolitik, Band 5, Heft 1, 71-90

Sind die Probleme der Bevölkerungsalterung durch eine höhere Geburtenrate lösbar?
MEA Discussion Paper: 025-02 Barbara Berkel, Axel Börsch-Supan, Alexander Ludwig und Joachim Winter