Wege aus der Rentenproblematik - das Renteneintrittsalter auf dem Prüfstand

Die Möglichkeit der Frühverrentung ist in Deutschland eine hoch geschätzte soziale Errungenschaft. Ihre Kosten jedoch rücken bei zunehmend angespannter Finanzlage der gesetzlichen Rentenversicherung immer wieder in den Vordergrund der rentenpolitischen Diskussion. Eine Anhebung des Renteneintrittsalters ist in Betracht der steigenden Lebenserwartung ein nahe liegender Reformansatz. Weiterhin kann eine Erhöhung der Abschläge für Frühverrentung auf ein für den einzelnen Arbeitnehmer anreizneutrales Niveau in Betracht gezogen werden. Welches Potential diese Ansätze hinsichtlich des effektiven Renteneintrittsalters bergen, haben Barbara Berkel und Axel Börsch-Supan empirisch untersucht.

Die Untersuchung der langfristigen Auswirkungen der Reformalternativen auf Renteneintrittsentscheidungen in Deutschland ist relevant, da sich die Reformen nicht eins zu eins in das tatsächliche Verhalten der Erwerbstätigen umsetzen. Denn es bestehen Möglichkeiten, diese zu umgehen. Zum Beispiel sind ein verstärktes Ausweichen in die Erwerbsminderungsrente oder ein in Kauf nehmen von Abschlägen durch Frühverrentung denkbar.

Um die Auswirkungen neuer Reformoptionen beurteilen zu können, musste zuerst prognostiziert werden, wie sich die bereits verabschiedeten, aber aufgrund langer Übergangsfristen noch nicht vollständig eingeführten Reformen der Jahre 1992 und 1999 bis zum Jahre 2015 auswirken werden. Wie die unten stehende Abbildung zeigt, werden durch diese Rentenreformen in einer langen Übergangszeit die Altersgrenzen der verschiedenen Rentenarten auf 65 Jahre angehoben. De facto gibt es dann nur noch einen einheitlichen Rentenzugang. Wenn eine Person langjährig versichert ist, kann sie schon vor dem 65. Lebensjahr in Rente gehen. Dann muss sie allerdings Abschläge in Höhe von 3,6 Prozent pro Jahr in Kauf nehmen (schwarz gestrichelte Linie in Abb.1).


Anmerkungen: Stand 2003, Quelle: Berkel und Börsch-Supan (2004)

Die Berechnungen von Axel Börsch-Supan und Barbara Berkel zeigen, dass die vollständige Umsetzung dieser Reformen bei Männern zu einer Erhöhung des mittleren Verrentungsalters um knapp 2 Jahre von 61,2 auf 63 Jahre führen werden. Bei Frauen fallen diese Effekte geringer aus.

Darüber hinaus wurden die Auswirkungen weitergehender, noch nicht beschlossener Reformen untersucht. Zunächst beschäftigten sich die Forscher mit dem viel diskutierten Vorschlag, die Regelaltersgrenze von 65 auf 67 Jahre zu erhöhen. Dabei wurden die Wirkungen einer Erhöhung nach Ablauf aller Übergangsregelungen betrachtet, die eine solche Reform mit sich bringen könnte. Zudem ging man davon aus, dass diese Erhöhung alle Altersgrenzen gleichmäßig betrifft, d.h. langjährig Versicherte ebenso wie Versicherte mit weniger als 45 Beitragsjahren.

Laut Studie würde eine so gestaltete Anhebung der Altersgrenzen um zwei Jahre das tatsächliche Renteneintrittsalter der Männer nochmals um etwa ein Dreivierteljahr von 63 auf 63,7 Jahre steigern.

Alternativ wurde eine Erhöhung der Abschläge simuliert, die sehr deutliche Effekte auf den Renteneintritt zeigt. Abschläge in Höhe von 4,5 Prozent pro Jahr würden das mittlere Renteneintrittsalter um ein weiteres Dreivierteljahr von 63 auf 63,7 Jahre erhöhen. Abschläge von 6 Prozent pro Jahr hätten eine noch viel stärkere Anreizwirkung und würden das mittlere Renteneintrittsalter sogar auf 64,9 Jahre anheben.

Die Ergebnisse zeigen, dass eine Erhöhung der Abschläge sowie eine Verschiebung der Altersgrenzen erhebliches Potential für einen späteren effektiven Renteneintritt aufweisen. Aus ökonomischer Sicht stellen sie geeignete Maßnahmen zur nachhaltigen Gestaltung des Umlagesystems dar.


mehr Informationen:

Berkel, Barbara; Börsch-Supan, Axel (2004): Pension Reform in Germany:
The Impact on Retirement Decisions, Finanzarchiv, Vol. 60, No. 3, S. 393-421.

Renteneintrittsentscheidungen in Deutschland: Langfristige Auswirkungen verschiedener Reformoptionen
MEA Discussion Paper: 031-03 Barbara Berkel, Axel Börsch-Supan