Dänemark als Vorbild: MEA-Studie unterstreicht Dringlichkeit von Reformen

Der absehbare Rückgang der Bevölkerung und die Veränderung der Alterstruktur stellen Deutschland vor große Herausforderungen. Nicht nur die sozialen Sicherungssysteme wie die Rentenversicherung sind von diesem demografischen Wandel betroffen, sondern die gesamte Volkswirtschaft, allem voran der Arbeitsmarkt.
Neue Berechnungen des MEA kommen zu dem Schluss, dass ohne weitere Reformen am Arbeitsmarkt ein dramatischer Rückgang der Zahl der Erwerbspersonen, also der tatsächlich Erwerbstätigen plus der Arbeitslosen, zu erwarten ist. Bis zum Jahr 2040 könnte diese Zahl von heute etwa 42 Millionen um nahezu 10 Millionen zurückgehen, also um fast 23 Prozent.

Doch die MEA-Studie zeigt auch auf, wie diese massiven Umwälzungen am Arbeitsmarkt gedämpft werden können. Zwar wird die Erwerbsbevölkerung Deutschlands deutlich sinken. Die ökonomischen Folgen können aber gemildert werden, wenn es gelingt, die heute niedrigen Erwerbsquoten verschiedener Bevölkerungsschichten zu steigern, zum Beispiel durch kürzere Ausbildungszeiten, eine bessere Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt oder ein späteres Renteneintrittsalter. Dass dies nicht unmöglich ist, zeigt ein Blick über Deutschlands Grenzen: In Dänemark liegen die Erwerbsquoten von Frauen und älteren Arbeitnehmern weit höher als hierzulande.

Ausgehend von den aktuellen Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes stellt das MEA vier Szenarien zur Entwicklung der deutschen Bevölkerung, der Anzahl der Erwerbspersonen und der Erwerbstätigen, bis 2040 vor:

Im schlimmsten Fall, so die Forscher, kommt es zu keinerlei weiteren Reformen am deutschen Arbeitsmarkt. Unverändert lange Ausbildungszeiten führen zu einem im internationalen Vergleich späten Berufseintritt, das durchschnittliche Renteneintrittsalter verharrt auf dem Niveau von 2003 (62,7 Jahre) und auch die Frauenerwerbsquote stagniert - bei weiterhin steigender Lebenserwartung.
In diesem ausgesprochen pessimistischen Worst-Case-Szenario sinkt die Zahl der Erwerbstätigen, um fast 30 Prozent - weit stärker, als die Gesamtbevölkerung. Sie schrumpft im gleichen Zeitraum um 6 Prozent. Das bedeutet, dass der Anteil der arbeitenden Bevölkerung, also der Erwerbstätigen, an der erwachsenen Bevölkerung rasant sinken wird. Im schlimmsten Fall wird die so genannte „Stützquote" von heute gut 54 auf etwa 43 Prozent im Jahr 2040 fallen. Mit anderen Worten: Ohne weitere Reformen am Arbeitsmarkt müssten die im Jahr 2040 Erwerbstätigen rund 20 Prozent mehr leisten, um die Gesamtbevölkerung wie bisher zu versorgen.

MEA-Forscherin Christina Benita Wilke hält eine so negative Entwicklung allerdings für sehr unwahrscheinlich: „Dieses Worst-Case-Szenario verdeutlicht aber, was passiert, wenn die notwendigen Reformen am Arbeitsmarkt ausbleiben."
Für weitaus realistischer hält Wilke, dass Deutschland den Weg Dänemarks beschreitet, allerdings erheblich langsamer. Der Nachbar im Norden hat bereits vor zehn Jahren wichtige Reformen am Arbeitsmarkt in die Wege geleitet, etwa im Hinblick auf die Rechte und Pflichten von Arbeitssuchenden sowie die Versorgungsquote bei der Kinderbetreuung. In Dänemark liegen heute die Erwerbsquoten sowohl jüngerer als auch älterer Menschen deutlich über denen in Deutschland. Auch Frauen sind wesentlich häufiger erwerbstätig.

                              

Entwickelt sich die deutsche Wirtschaft nach dem „Dänemark"-Szenario, in dem sich die Erwerbsquoten an die des skandinavischen Landes anpassen, so prognostiziert das MEA einen wesentlich geringeren Rückgang der Erwerbstätigenzahl als im pessimistischen Worst Case. Im Dänemark-Szenario fällt die Zahl der Erwerbspersonen nur um 3,9 Millionen - gegenüber 9,6 Millionen im Falle der Wahrung des Status quo.
Besonders deutlich werden die Chancen des Dänemark-Szenarios, wenn sie als „Stützquote" dargestellt werden, in der die Erwerbstätigen, auf die sich die Produktion einer Gesellschaft stützt, ins Verhältnis zu den Konsumenten gesetzt werden. Im Jahr 2035 würden bei den Reformen, die im Dänemark-Szenario unterstellt werden, 52 Erwerbstätige die Güter und Dienstleistungen für 100 Konsumenten produzieren. Im „Worst Case" sind es dagegen nur 44 Arbeitnehmer.

Denkbar ist aber auch ein Nachlassen des derzeitigen Reformprozesses in Deutschland. Dies hätte, wie die alternativen Szenarien der Studie aufzeigen, langfristig restriktive Folgen für den Lebensstandard und die Nachhaltigkeit unserer Sozialsysteme. Zum Beispiel beträgt der Unterschied zwischen dem Reformszenario „Dänemark" und dem Szenario einer nur zur Hälfte realisierten Agenda 2010 (in der Studie „Agenda 1005" genannt) etwa 2,1 Millionen Erwerbstätige im Jahr 2030. Ohne deren Produktion können wir jedoch nicht ohne weiteres unseren gewohnten Lebensstandard halten. Um wie gewohnt auch in Zukunft konsumieren und investieren zu können, müsste Deutschland daher in Zukunft einen deutlich größeren Produktivitätszuwachs verzeichnen als bisher. Ob dies über so lange Zeiträume möglich ist, halten die meisten Ökonomen für fraglich.

MEA-Direktor Axel Börsch-Supan betont, dass die Ergebnisse dieser Studie die Notwendigkeit von weiteren Reformen, insbesondere der Einführung der „Rente mit 67" und der Reformen der Arbeitslosenunterstützung klar aufzeigen. Deutlich wird aber auch die Bedeutung weiterer Reformen für die Nachhaltigkeit von Lebensstandard und den sozialen Sicherungssystemen in Deutschland.


mehr Informationen:

Szenarien zur mittel- und langfristigen Entwicklung der Anzahl der Erwerbspersonen und der Erwerbstätigen in Deutschland
MEA Discussion Paper: 153-07 Axel Börsch-Supan, Christina B. Wilke