Ein einheitliches Rentensystem für Ost- und Westdeutschland

Neunzehn Jahre nach der deutschen Einheit ist die gesetzliche Rentenversicherung noch immer nach den Gebietsständen Ostdeutschland und Westdeutschland gegliedert. Begründet wurde die Zweiteilung ursprünglich mit der Situation der Wirtschaft in Ostdeutschland, von der erwartet wurde, dass sie sich mittelfristig an die wirtschaftliche Situation im Westen anpassen würde. Durch das geteilte System sollte es den Rentnern in Ostdeutschland ermöglicht werden, an diesem Aufholprozess durch entsprechende Rentensteigerungen teilzuhaben. Doch inzwischen ist der anfängliche Aufholprozess zum Stillstand gekommen, daher wurden in der jüngeren Vergangenheit vermehrt Stimmen laut, die die Zweitteilung des Rentensystems in Frage stellen und eine einheitliche Rentenberechnung in Ost und West fordern.

Konkrete Reformvorschläge haben potentiell hohe Umverteilungswirkungen und sind daher politisch hoch sensibel. Um eine sachliche Debatte über die Vereinheitlichung der Rentenberechnung zu ermöglichen, untersucht das MEA zunächst anhand einer theoretischen Analyse und dann mit einem Simulationsmodell die Effekte des Reformvorschlags des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung für die Rentner und die Rentenversicherung.

Das Grundprinzip des Vorschlags des Sachverständigenrates besteht darin, dass ab einem bestimmten Reformstichtag für Ostdeutschland und Westdeutschland ein gesamtdeutscher aktueller Rentenwert sowie eine einheitliche Rentenberechnung auf Basis der gesamtdeutschen Lohnentwicklung gelten.

Weil für die Auswirkung der Reform letztlich die zukünftige Lohnentwicklung entscheidend ist, legen die Forscher des MEA ihren Simulationsrechnungen drei verschiedene Szenarien zu Grunde: konstante Relation der Durchschnittslöhne in Ost und West, Lohnkonvergenz und Lohndivergenz.
Dabei erhielten die MEA-Forscher die folgenden interessanten Ergebnisse:
Geht man von einer stabilen Relation der Durchschnittslöhne Ost zu West aus, so hat die vom Sachverständigenrat vorgeschlagene Angleichung der Systeme - für viele vielleicht überraschend - nur geringe Auswirkungen auf die Renten in Ost und West. Die derzeit vor allem aufgrund von längeren und durchgehenden Erwerbsbiografien höheren Durchschnittsrenten in Ostdeutschland nehmen mit Reform fast einen identischen Entwicklungspfad wie ohne Reform. Die Situation in Westdeutschland ist vergleichbar: Der Unterschied zwischen den Durchschnittsrenten mit und ohne Reform liegt selbst im Maximum unter einem Prozent. Damit sind auch die Auswirkungen auf den Beitragssatz vernachlässigbar und der Vorschlag des Sachverständigenrates wäre auch ohne nennenswerte Umverteilungseffekte zwischen Ost und West beziehungsweise Alt und Jung durchführbar. Die MEA-Forscher betrachten diesen Fall aufgrund der Lohnentwicklung in den letzten zehn Jahren als den wahrscheinlichsten.

                 

Kommt es dagegen wieder zu einer Lohnkonvergenz zwischen Ost und West, dann würde die Reform Umverteilungseffekte von Ostrentnern zu den Rentnern in Westdeutschland verursachen. Diese würden sich darin ausdrücken, dass die Renten in Ostdeutschland um 0,4 Prozentpunkte pro Jahr weniger ansteigen würden, als sie ohne Reform gestiegen wären. Dies bedeutet aber immer noch einen durchschnittlichen Anstieg der ostdeutschen Durchschnittsrente um 1,75 % pro Jahr im Zeitraum von 2008 bis 2030.
Die Durchschnittsrenten in Westdeutschland würden dagegen mit der Reform geringfügig stärker ansteigen als ohne Reform. Der Unterschied betrüge in 2030 etwas mehr als 2%, bzw. weniger als 0,1 Prozentpunkte pro Jahr. Da der größere Anstieg im Westen den geringeren im Osten in etwa ausgleicht, wenn er mit der jeweiligen Rentnerzahl multipliziert wird, ist auch dieses Szenario für den Beitragssatz und damit für die intergenerative Umverteilung weitgehend neutral.

Der unwahrscheinlichste Fall einer Lohndivergenz, also der Fall, dass die Löhne in Westdeutschland stärker zunehmen als in Ostdeutschland, würde sowohl in Ostdeutschland, als auch in Westdeutschland dazu führen, dass die Durchschnittsrenten mit Reform etwas weniger stark zunehmen würden, als ohne die vorgeschlagene Reform. Diese Effekte würden in 2030 weniger als 2% im Westen bzw. ca. 4% der Durchschnittsrente im Osten betragen, in den Jahren vorher sind sie geringer. Da diese Effekte in Ost und West gleichgerichtet sind, würden sie eine leichte Beitragssatzsenkung bewirken und wären damit mit einer Umverteilung von den Rentnern zu den Beitragszahlern verbunden, also von Alt nach Jung.

                    

 mehr Informationen:

Ein einheitliches Rentensystem für Ost- und Westdeutschland - Simulationsrechnungen zum Reformvorschlag des Sachverständigenrates
MEA Discussion Paper: 174-09 Axel Börsch-Supan, Tabea Bucher-Koenen, Martin Gasche und Christina Benita Wilke