Grippe: Warum sich Deutsche so selten impfen lassen

Knapp 14.000 Menschen sterben jedes an den Folgen der Influenza, der Grippe. Besonders Ältere und durch andere Erkrankungen bereits Geschwächte fallen den Influenzaviren zum Opfer. Dabei bieten Impfungen guten Schutz – doch nur wenige Deutsche lassen sich jedes Jahr impfen. MEA-Forscher gehen den Ursachen dafür auf den Grund.

Spricht der Volksmund salopp von einer Grippe, meint er doch zumeist nur einen grippalen Infekt. Influenza aber, ausgelöst durch die Influenzaviren, ist eine schwerwiegende Erkrankung, die nicht selten sogar tödlich endet. Sie tritt in der Regel zwischen November und Mai auf. Besonders gefährdet sind ältere und durch andere Krankheiten geschwächte Menschen. In Deutschland sterben pro Grippe-Saison durchschnittlich 13.600 Menschen an den Folgen der Erkrankung, die meisten Todesfälle konzentrieren sich auf die ältere Bevölkerung.

Die beste Vorbeugung bietet die Grippeschutzimpfung, die allerdings jährlich erneuert werden muss. Trotz der hohen Wirksamkeit haben viele ältere Menschen keinen ausreichenden Impfschutz. Die Daten der SHARE-Umfrage zeigen, dass die altersspezifischen Impfraten der deutschen Bevölkerung 50+ zwar mit zunehmendem Alter steigen, in der Regel aber unter 50 Prozent liegen.

Traditionelle Ansätze zur Erklärung des mangelnden Infektionsschutzes konzentrieren sich zumeist auf die Nachfrageseite und versuchen individuelles Impfverhalten durch Patientencharakteristika zu erklären. Die Ergebnisse dieser Forschung deuten zumeist auf enorme Informationsdefizite auf Patientenseite hin. So berichten 42 Prozent der besonders gefährdeten Menschen fälschlicherweise, über ausreichend Immunität gegen Influenzaviren zu verfügen. Neben unzureichenden Gesundheitsinformationen spielen auch mangelhaftes Wissen hinsichtlich relevanter institutioneller Regelungen sowie fehlendes Problembewusstsein im Allgemeinen eine große Rolle bei der Erklärung fehlenden Impfschutzes.

Hausärzte spielen eine Schlüsselrolle

Gleichzeitig kommt den Hausärzten, als Anbietern, eine beträchtliche Bedeutung zu. So scheinen persönliche Anschreiben von Ärzten bzgl. der Bedeutung von Grippeschutzimpfungen einen großen Effekt auf die Impfbereitschaft zu haben. Zudem geben 85 Prozent aller Patienten an, sich beim Impfschutz nach den Empfehlungen ihres Arztes zu richten. Welchen Einfluss haben also nun Patienten und Ärzte genau auf die geringen Impfraten?

Forscher des MEA haben den Versuch unternommen, die Effekte verschiedener Arzt- und Patientencharakteristika auf Impfangebot und -nachfrage zu bestimmen und die jeweiligen Einflüsse beider Marktseiten formal zu entflechten. Dabei zeigt sich, dass sowohl Angebots- als auch Nachfragefaktoren starken Einfluss auf die Impfrate haben.

Die folgende Tabelle fasst die Auswirkungen verschiedener individueller Einflussfaktoren auf die Nutzung von Grippeschutzimpfungen zusammen.





Sowohl höheres Alter als auch andere Risikofaktoren wie Asthma, Diabetes, Herzinfarkt oder Lungenerkrankungen führen zumeist zu einer deutlich höheren Impfwahrscheinlichkeit, mit besonders großen Effekten bei chronischen Erkrankungen. Die in der Regel größeren Angebotseffekte deuten dabei auf eine wichtige Rolle des Hausarztes als Berater hin. So scheinen die höheren Impfraten unter den Älteren sowie chronisch Kranken hauptsächlich auf die Beratertätigkeit des Arztes zurückzuführen zu sein, während entsprechende Nachfrageeffekte deutlich geringer ausfallen.

Neben den Effekten medizinischer Risikofaktoren hat auch die Qualität hausärztlicher Versorgung eine große Bedeutung für die Erhöhung von Grippeschutzimpfungsraten. Basierend auf einem stark verkürzten Maß hausärztlicher Qualität weisen die Ergebnisse der MEA-Forscher große Unterschiede in den Impfraten „guter“ und „weniger guter“ Ärzte aus - bis zu 12 Prozent-Punkte.

Wer mehr Bildung genossen hat, lässt sich häufiger impfen

Auf der Nachfrageseite stechen insbesondere die vergleichsweise großen Effekte von Schulbildung und allgemeinem Gesundheitsverhalten hervor. So weisen Akademiker eine um etwa 10 Prozent-Punkte höhere Impfrate aus als ungelernte Arbeiter. Neben diesen Bildungseffekten ergeben sich auch große Divergenzen durch unterschiedliches Gesundheitsverhalten. Nach Berechnungen des MEA weisen Personen mit einem sehr ungesunden Lebensstil eine um gut 15 Prozent-Punkte geringere Impfrate auf als sehr gesundheitsbewusste Menschen. Auch das Geschlecht, der Familienstand und der allgemeine Gesundheitszustand haben einen Nachfrageeffekt auf die Impfrate.

Daraus folgen eine Reihe von gesundheitspolitischen Implikationen. Die großen Angebotseffekte deuten auf eine wichtige Rolle des Hausarztes bei der Nutzung von Grippeschutzimpfungen hin. Diese bezieht sich sowohl auf seine Position als Berater des Patienten als auch auf seine Funktion als Anbieter qualitativ hochwertiger medizinischer Versorgung. Angebotsseitige Interventionen wie Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen für die Ärzteschaft könnten die Impfrate erfolgreich erhöhen. Darüber hinaus erscheinen Informationskampagnen für die Nachfrageseite von zentraler Bedeutung.

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