Altern und Produktivität: Zum Stand der Forschung
Obgleich die zunehmende Bevölkerungsalterung eines der am besten prognostizierbaren Phänomene mit weit reichenden ökonomischen Auswirkungen auf Arbeitsmärkte und Produktion ist, gibt es bislang kaum überzeugende Studien über den Zusammenhang zwischen Alter und Arbeitsproduktivität. Axel Börsch-Supan, Matthias Weiss und Ismail Düzgün evaluieren fächerübergreifend den aktuellen Forschungsstand.
Studien aus der Gerontologie und Soziologie zeigen, dass Erfahrungswissen und Allgemeinbildung mit dem Alter zunehmen, während geistige Wendigkeit und Kombinationsfähigkeit abnehmen. Der individuelle Alterungsprozess aber und die daraus resultierende Leistungsfähigkeit hängen von einer Vielzahl weiterer Faktoren ab. Hierzu zählen unter anderem der sozioökonomische Status sowie das soziale und räumliche Umfeld. So ist z.B. bei Besserverdienenden eine stärkere körperliche Fitness zu beobachten.
Auch Arbeitsmediziner haben den Zusammenhang von Alterung und menschlicher Leistungsfähigkeit untersucht. Ihre Ergebnisse zeigen, dass sich sowohl die physische als auch die psychische Leistung, insbesondere die Geschwindigkeit der Wahrnehmung von Signalen, im Alter verschlechtern. Allerdings zeigen sich auch hier ausgeprägte Unterschiede zwischen Personen derselben Altersgruppe. Diese sind auf Umweltbedingungen am Arbeitsplatz sowie auf Trainiertheit der menschlichen Informationsbearbeitungssysteme zurückzuführen.
Folgende Erkenntnisse erlangen Arbeitswissenschaftler aus ihrer Forschung. Leistungsfähigkeit und Produktivität können nicht generell über das Lebensalter bestimmt werden. Sie hängen maßgeblich von den individuellen Arbeitsbedingungen ab. Somit fällt auch die Arbeitsproduktivität über den Lebensverlauf von Individuum zu Individuum unterschiedlich aus. Eine landläufige Defizit-Hypothese des Alterns, die Vermutung eines „natürlichen“ altersbedingten Abbaus von Befähigungen, kann daher aus Sicht der Arbeitswissenschaftler nicht belegt werden.
Volkswirtschaftliche Altersforschung betrachtet altersabhängige Produktivität auf Unternehmensebene. Auch im Aggregat geht der Zusammenhang zwischen Alter und Arbeitsproduktivität in unterschiedliche Richtungen. Studien zur Lohnstruktur, finden sogar einen eher positiven Zusammenhang zwischen Alter und Löhnen, welcher jedoch als alters- und senioritätsspezifische Produktivität interpretiert wird. Sie zeigt sich z.B. bei Angestellten im öffentlichen Dienst, die ungeachtet der Produktivität steigende Löhne erhalten, da sie ausschließlich nach Lebensalter bezahlt werden. Bei Arbeitnehmern im Vertrieb, die eher leistungsorientiert entlohnt werden, wachsen die Gehälter dagegen nur bis zum 55 Lebensjahr und fallen danach wieder ab.
Aus einer Gesamtanalyse der einzelnen Forschungsresultate schließen die Autoren, dass sich Arbeitsproduktivität in einer modernen arbeitsteiligen Gesellschaft weniger in der Einzelleistung als vielmehr im Zusammenwirken mit Arbeitskollegen realisiert. Gerade unsichtbare Beiträge älterer Mitarbeiter zur Wertschöpfung wie Erfahrung, Ausgeglichenheit bei Konflikten oder ein allgemeiner Beitrag zum Betriebsklima manifestieren sich im Gesamtergebnis einer Arbeitsgruppe und nicht in der isolierten Messung der individuellen Kognition oder Belastungsfähigkeit. Aus diesem Grund gilt es, sich nicht nur auf individuelle Messungen der Arbeitsproduktivität im Alter zu fixieren. Um Aussagen über Altersproduktivität treffen zu können, sollte der Einfluss des durchschnittlichen Alters eines Teams auf die Produktivität und die Beziehung zwischen der Altersstruktur eines Teams und seiner Arbeitsproduktivität untersucht werden.
Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass weiterhin Bedarf an Studien über den Zusammenhang zwischen Arbeitsproduktivität und Alter besteht, da die bestehenden Untersuchungen in ihrer Aussagekraft begrenzt sind. Entweder beziehen sie sich auf hoch aggregierte Produktivitätsmaße, die schwer zu interpretieren sind, oder sie greifen auf Vorgesetztenurteile zurück, die möglicherweise von bestehenden Vorurteilen über die Produktivität von älteren Mitarbeitern beeinflusst sind. Der Erkenntnisgewinn bleibt daher meist beschränkt.
Mehr Informationen:
Trends in German households' portfolio behavior - assessing the importance of age- and cohort-effects
MEA Discussion Paper: 073-05, Axel Börsch-Supan, Ismail Düzgün, Matthias Weiss
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