Altern und Produktivität: Zum Stand der Forschung

München, Februar 2017. Die Behauptung, dass ältere Arbeitnehmer weniger produktiv seien,  ist weit verbreitet – und damit die Annahme, dass die zukünftig weiter steigende Zahl an älteren Arbeitnehmern einen negativen Effekt auf die gesamte Produktionsleistung haben könnte. Dieser Vermutung widersprechen die Ergebnisse von MEA Studien zum Thema Alter und Produktivität.

Studien aus der Gerontologie und Soziologie zeigen, dass Erfahrungswissen und Allgemeinbildung mit dem Alter zunehmen, während geistige Wendigkeit und Kombinationsfähigkeit abnehmen. Der individuelle Alterungsprozess aber und die daraus resultierende Leistungsfähigkeit hängen von einer Vielzahl weiterer Faktoren ab. Hierzu zählen unter anderem der sozioökonomische Status sowie das soziale und räumliche Umfeld. So ist z.B. bei Besserverdienenden eine stärkere körperliche Fitness zu beobachten.

Auch Arbeitsmediziner haben den Zusammenhang von Alterung und menschlicher Leistungsfähigkeit untersucht. Ihre Ergebnisse zeigen, dass sich sowohl die physische als auch die psychische Leistung, insbesondere die Geschwindigkeit der Wahrnehmung von Signalen, im Alter verschlechtern. Allerdings zeigen sich auch hier ausgeprägte Unterschiede zwischen Personen derselben Altersgruppe. Diese sind auf Umweltbedingungen am Arbeitsplatz sowie auf Trainiertheit der menschlichen Informationsbearbeitungssysteme zurückzuführen.  Leistungsfähigkeit und Produktivität können also nicht generell über das Lebensalter bestimmt werden. Sie hängen maßgeblich von den individuellen Arbeitsbedingungen ab. Somit fällt auch die Arbeitsproduktivität über den Lebensverlauf von Individuum zu Individuum unterschiedlich aus. Eine landläufige Defizit-Hypothese des Alterns, die Vermutung eines „natürlichen“ altersbedingten Abbaus von Befähigungen, kann daher aus Sicht der Arbeitswissenschaftler nicht belegt werden.

Volkswirtschaftliche Altersforschung betrachtet altersabhängige Produktivität auf Unternehmensebene

Auch im Aggregat geht der Zusammenhang zwischen Alter und Arbeitsproduktivität in unterschiedliche Richtungen. Studien zur Lohnstruktur, finden sogar einen eher positiven Zusammenhang zwischen Alter und Löhnen, welcher jedoch als alters- und senioritätsspezifische Produktivität interpretiert wird. Sie zeigt sich z.B. bei Angestellten im öffentlichen Dienst, die ungeachtet der Produktivität steigende Löhne erhalten, da sie ausschließlich nach Lebensalter bezahlt werden. Bei Arbeitnehmern im Vertrieb, die eher leistungsorientiert entlohnt werden, wachsen die Gehälter dagegen nur bis zum 55 Lebensjahr und fallen danach wieder ab.

Produktivität im Alter

Aus einer Gesamtanalyse der einzelnen Forschungsresultate schließen die Autoren, dass sich Arbeitsproduktivität in einer modernen arbeitsteiligen Gesellschaft weniger in der Einzelleistung als vielmehr im Zusammenwirken mit Arbeitskollegen realisiert. Gerade unsichtbare Beiträge älterer Mitarbeiter zur Wertschöpfung wie Erfahrung, Ausgeglichenheit bei Konflikten oder ein allgemeiner Beitrag zum Betriebsklima manifestieren sich im Gesamtergebnis einer Arbeitsgruppe und nicht in der isolierten Messung der individuellen Kognition oder Belastungsfähigkeit. Aus diesem Grund gilt es, sich nicht nur auf individuelle Messungen der Arbeitsproduktivität im Alter zu fixieren.

Um Aussagen über Altersproduktivität treffen zu können, sollte der Einfluss des durchschnittlichen Alters eines Teams auf die Produktivität und die Beziehung zwischen der Altersstruktur eines Teams und seiner Arbeitsproduktivität untersucht werden.

Dieser Ansatz wurde in einer MEA Studie von Axel Börsch-Supan und Matthias Weiss (2016) umgesetzt. Sie kombinieren die Fehlerquote bei einem Produktionsprozess in einem LKW-Werk mit soziodemographischen Daten der dabei involvierten Fließbandarbeiter.

Die Resultate zeigen, dass die durchschnittliche Produktivität eines Arbeiters sogar in einer Arbeitsumgebung, die körperliche Fitness erfordert, bis zum Renteneintrittsalter (65 Jahre) kontinuierlich ansteigt. Ausschlaggebend dafür ist u.a. die Erfahrung der älteren Arbeiter. Sie machen zwar nicht weniger Fehler als Jüngere, allerdings weniger schwerwiegende Fehler. Die Untersuchung der Teamproduktivität zeigt,  dass ältere Arbeiter zum Beispiel im Team ihre Fähigkeiten einsetzen können, um schwierige Situationen routinierter und schneller zu bewältigen oder jüngere Kollegen zu unterstützen.

Mehr Informationen:

Börsch-Supan, Axel; Weiss, Matthias (2016): "Productivity and age: Evidence from work teams at the assembly line". In: The Journal of the Economics of Ageing, online first (doi:10.1016/j.jeoa.2015.12.001)

Trends in German households' portfolio behavior - assessing the importance of age- and cohort-effects
MEA Discussion Paper: 073-05, Axel Börsch-Supan, Ismail Düzgün, Matthias Weiss