Hilfe zwischen Generationen in Europa

Schon heute ist die Bevölkerungsalterung eine zentrale Herausforderung für die westlichen Industrienationen - und auch in Zukunft werden mehr und mehr Staaten davon betroffen sein. Insbesondere in den Industriestaaten findet eine rapide Veränderung des Gleichgewichts zwischen Jung und Alt statt, sodass eine immer geringer werdende Zahl Jüngerer eine immer größer werdende Zahl Älterer versorgen muss. Und dies nicht nur finanziell über Rentenabgaben, auch in der Betreuung älterer Personen werden die nachkommenden Generationen mehr und mehr gefordert werden. Erschwerend kommt dabei die Tatsache hinzu, dass als Konsequenz der Weltwirtschaftskrise drastische Kürzungen im öffentlich finanziellen Sektor wie auch in den öffentlichen Unterstützungsleistungen der Wohlfahrtsstaaten durchgeführt wurden. Die Familie wird somit unweigerlich wieder zu einem wichtigen Sicherheitsnetz. Verschiedene Sozialsysteme haben unterschiedliche Pfade eingeschlagen, um diese zukünftigen Herausforderungen zu meistern. SHARE Wissenschaftlerin Martina Brandt analysiert die Auswirkungen der unterschiedlichen Wohlfahrtsarrangements auf intergenerationale Beziehungen, indem sie intergenerationale Unterstützungsleistungen in unterschiedlichen Staaten vergleicht und den Einfluss von Staat, Markt und Kultur auf Unterstützungsbeziehungen in der Familie untersucht. Ihre Arbeit im Bereich der komparativen Generationenforschung zeigt damit mögliche Lösungswege aus der allen europäischen Sozialstaaten drohenden „Generationenproblematik" auf.

Auf Basis von SHARE, des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe, analysiert Martina Brandt praktische Hilfe bei der Haushaltsführung (Haushaltstätigkeiten, Gartenarbeit, Reparaturen, Transport, Formalitäten) zwischen der mittleren Generation (50+), den betagten Eltern (65+) und den erwachsenen Kindern (18+) in elf europäischen Staaten (Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, Niederlande, Österreich, Schweden, Schweiz und Spanien). Der Fokus der Untersuchung liegt dabei auf der Messung der zeitlichen Intensität von Hilfeleistungen, die von sporadischen Leistungen bis zur Betreuung rund um die Uhr reichen können. Ziel der Analysen ist zu ermitteln welche Unterstützungsleistungen zwischen Familiengenerationen stattfinden und ob hier Länderunterschiede bestehen, die auf sozialpolitische Einflüsse zurückzuführen sind. Allerdings müssen hier natürlich unterschiedliche Einflussfaktoren auf individueller und familialer Ebene berücksichtigt werden, die mit Kontexteffekten interagieren können.

Auf der individuellen Ebene zeigt sich, dass Hilfeleistungen stark von der Beziehung zwischen Helfern und Empfängern sowie den zur Verfügung stehenden Ressourcen abhängig sind: Mit höherem Bedarf der Empfänger und besseren Möglichkeiten der Geber steigt die Wahrscheinlichkeit und Intensität von Hilfeleistungen. Je mehr potenzielle Hilfeempfänger es in der Familie gibt, desto weniger Hilfe erhält der Einzelne; und je mehr potenzielle Geber existieren, desto eher werden Hilfeleistungen zwischen diesen aufgeteilt. Auffällig ist, dass weiterhin vorwiegend Frauen zeitintensive Unterstützungsleistungen übernehmen. Lediglich im Bereich der Kinderunterstützung beteiligen sich (jüngere) Väter ähnlich häufig wie die Mütter. Hilfeleistungen in Westeuropa sind folglich zum jetzigen Zeitpunkt weiterhin ungleich verteilt, sowohl zwischen Geschlechtern als auch zwischen Familien mit unterschiedlichem sozio-ökonomischen Hintergrund.

Ungleichheiten bestehen zudem auch zwischen Ländern und verschiedenen Sozialsystemen. Geographisch gesehen variiert die Häufigkeit alltäglicher Hilfe bei der Haushaltsführung stark von Nord nach Süd: Während in den nördlichen Ländern, die eine ausgeprägte Wohlfahrtsstaatsstruktur besitzen, das Hilfeniveau hoch ist, helfen in den Mittelmeerländern nur wenige erwachsene Kinder ihren betagten Eltern. Dagegen verteilt sich die Intensität dieser Hilfeleistungen in entgegengesetzter Richtung: In den südlichen Ländern engagieren sich die wenigen Helfer im Durchschnitt weit mehr Stunden pro Woche als die vielen Helfer im Norden. Die mitteleuropäischen Länder nehmen eine Zwischenstellung ein.
Die Analysen zeigen, dass mit wachsender Dienstleistungsbereitstellung auch die Bereitschaft zu intergenerationaler Hilfeleistung steigt, wenngleich diese dann weniger zeitaufwendig ist. Insofern spricht dies gegen die Befürchtung, dass sich Familien mit steigender öffentlicher Versorgungsleistung aus der privaten Unterstützungsverantwortung generell zurückziehen könnten - allerdings verändert sich ihr Engagement. Bei entsprechendem Hilfebedarf wird die Verantwortung zwischen Familie und professionellen Dienstleistern aufgeteilt, sodass sich familiale und öffentliche Hilfe (komplementär) ergänzen und unterschiedliche Unterstützungsaufgaben umfassen.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass in ausgeprägten Wohlfahrtssystemen - wertfrei ausgedrückt - andere Hilfemuster vorherrschen als in weniger ausgebauten Sozialstaaten. Sozialpolitische Strukturen haben bedeutsame Auswirkungen auf Hilfetransfers zwischen Generationen, sowohl auf Personen- wie auch auf Länderebene. Je weiter ein Wohlfahrtsstaat ausgebaut ist, desto mehr freiwillige Hilfe wird ausgetauscht, was möglicherweise auch als Zeichen für eine bessere Qualität der Beziehungen zwischen Helfern und Hilfeempfängern gewertet werden kann. Vorteile einer solchen Spezialisierung bzw. Zusammenarbeit von Staat, Markt und Familie lassen sich zusätzlich vermuten, wenn man verschiedene Hilfemotivationen in den Ländern betrachtet. Während Verpflichtungsgefühle einer der Haupthilfegründe für Helfer in den familialistischen Staaten sind, haben die Nordeuropäer eher Freude daran zu helfen. Mit fortschreitender Alterung der Gesellschaft kann folglich vor allem der Ausbau von öffentlichen Unterstützungsleistungen für Familien dazu beitragen, einer Überlastung des Familienzusammenhalts entgegenzuwirken und die notwendige Unterstützung auch für die stark wachsende ältere Bevölkerung zu gewährleisten. Gleichzeitig stärkt dies die Ressourcen der Alten und Alternden und ermöglicht ein längeres selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden. Darüber hinaus eröffnet eine ausgebaute öffentliche Unterstützung älteren Personen die Möglichkeit ihren (erwachsenen) Kindern in Zeiten des Hilfebedarfs ebenfalls zur Seite stehen zu können. Komplementäre Unterstützungsleistungen von Familie und Staat führen also zu einer umfassenderen und für alle Beteiligten eher tragbaren Betreuung Hilfebedürftiger. Insbesondere umfassende soziale Dienste und professionelle Unterstützungsangebote scheinen das familiale und gesellschaftliche Zusammenleben auf die Basis freiwilliger Solidarität zu stellen und die Vereinbarkeit von individuellen und familialen Bedürfnissen und Möglichkeiten zu erleichtern.

 

 

Mehr Informationene:
Intergenerational Help and Public Assistance in Europe - A Case of Specialization?
MEA Discussion Paper 236-11 Brandt, Martina
Foto: Lisa Eastman - Fotolia.com

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