Die Greifkraft der Hand als Gesundheitsmaß

Auf einen Händedruck kann man sich verlassen. Was unter Geschäftsleuten schon lange gilt, hat sich auch als Faustregel in Gesundheitsumfragen bewährt. Forscher messen die Greifkraft der Hände, um verlässliche Aussagen über den tatsächlichen Gesundheitszustand der Befragten zu treffen. Deren verbale Einschätzung des eigenen Wohlbefindens ist nämlich meist verzerrt und variiert von Person zu Person. Die Greifkraft der Hand gibt nicht nur über den Gesundheitszustand Auskunft. Sie verrät auch den sozioökonomischen Status, zukünftige Behinderungs- und Mortalitätsrisiken - erlaubt so einen Blick in die menschliche Zukunft. Karsten Hank und Hendrik Jürges vom MEA haben in Zusammenarbeit mit Jürgen Schupp und Gert G. Wagner vom DIW Berlin Datensätze aus SHARE und SOEP vereint und die Handkraft der Deutschen analysiert. Ergebnis: Von 16 bis 50 Jahre drücken die Deutschen noch so fest, dass genaue Aussagen über die Gesundheit nicht möglich sind. Ab 50 Jahre aufwärts jedoch spricht die zunehmend schwächer werdende Muskelkraft der Hand Bände.

Ein besseres Verständnis der kausalen Beziehung sowie der Wechselwirkung zwischen sozio-ökonomischen Variablen und verschiedenen Dimensionen von Gesundheit ist ein immer wichtiger werdendes Anliegen sozialwissenschaftlicher Forschung, da nahezu alle ökonomischen und gesellschaftlich relevanten menschlichen Verhaltensweisen vom Gesundheitszustand der Akteure abhängen. Die empirische Untersuchung dieser Zusammenhänge wird jedoch häufig durch das Fehlen adäquater Mikrodatensätze erschwert: medizinische Surveys sind oft nicht verallgemeinerbar für die Gesamtbevölkerung und/oder enthalten nur wenige Informationen zum sozio-ökonomischen Hintergrund der Befragten, während allgemeine sozialwissenschaftliche Bevölkerungsumfragen meist nur relativ grobe Gesundheitsmaße verwenden, z.B. die Frage nach der Selbsteinschätzung der Gesundheit auf einer Skala von ‚sehr gut' bis ‚sehr schlecht'.

Solche subjektiven Gesundheitsindikatoren haben sich insbesondere dann als problematisch erwiesen, wenn verschiedene Subpopulationen innerhalb eines Landes oder mehrere Länder miteinander verglichen werden sollen und das Antwortverhalten nicht einheitlich ist. Die Messung der (Hand-)Greifkraft hat sich hier als einfach zu erhebendes, nicht-invasives und verlässliches ‚objektives' Gesundheitsmaß erwiesen, das nicht nur eine sinnvolle Ergänzung zu selbst berichteten Indikatoren des Gesundheitszustandes darstellt, sondern darüber hinaus hinsichtlich einer Reihe relevanter Variablen eine eigenständige Erklärungskraft besitzt. Eine Vielzahl von Studien belegt, dass die Greifkraft zwar generell mit zunehmendem Alter abnimmt, dass aber altersspezifische Unterschiede sehr gute Prädiktoren für zukünftige Behinderungen oder für Mortalitätsrisiken sind. Bereits die Auswertung einfacher Querschnittsdaten aus verschiedenen europäischen Ländern weist zudem auf einen starken Zusammenhang zwischen der Greifkraft und sozio-ökonomischem Status sowie dem allgemeinen Gesundheitszustand hin.

Der 2004 erstmals erhobene Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) und der Pretest 2005 des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) erlauben nun erste erhebungsmethodische und inhaltliche Querschnittsauswertungen für Deutschland. Die beiden Datensätze ergänzen sich ideal, da die Greifkraft mit denselben Instrumenten auf vergleichbare Weise gemessen wird und ähnliche Hintergrundvariablen erfasst werden. Während SHARE auf die ältere Bevölkerung fokussiert und so eine detaillierte Untersuchung der über 50-Jährigen erlaubt, ist das SOEP für das gesamte Altersspektrum ab dem 16. Lebensjahr repräsentativ. Aus der Auswertung und dem Vergleich der beiden Datensätze lassen sich zwei zentrale Ergebnisse festhalten. Erstens hat sich aus methodischer Perspektive gezeigt, dass die Erhebung der isometrischen Greifkraft im Rahmen sozialwissenschaftlicher Bevölkerungsumfragen problemlos durchführbar ist. Zweitens erweisen sich die inhaltlichen Ergebnisse für die älteren Befragten (50+) aus SHARE und SOEP als in hohem Maße miteinander vergleichbar. Neben Merkmalen wie Geschlecht, Alter, Körpergröße und -gewicht konnte vor allem ein klarer Zusammenhang zwischen dem Gesundheitszustand der Befragten und der Greifkraft der Hände festgestellt werden.

Die Analyse der unter 50-Jährigen, die nur auf Basis der SOEP-Stichprobe durchgeführt werden konnte, zeigt, dass in dieser jungen Altersgruppe (noch) kein Zusammenhang zwischen dem Alter und der Stärke der Greifkraft besteht. Freilich deutet sich ein Zusammenhang zwischen subjektiver Lebenserwartung und Greifkraft an. D.h. die Greifkraft könnte versteckte Gesundheitsprobleme gerade bei jungen Befragten messen. Insgesamt ist es sinnvoll, in Panelstudien bereits früh mit den Messungen der Greifkaft zu beginnen, da nur so die notwendige Null-Messung für eine Untersuchung des langfristigen Zusammenhangs zwischen Greifkraft und Gesundheit geschaffen werden kann. Hier liegen entsprechend die wesentlichen Perspektiven für zukünftige Forschungsvorhaben auf Basis von SHARE und SOEP, die bald die Paneldimension beider Datensätze ausnutzen können.


mehr Informationen:

Die Messung der Greifkraft als objektives Gesundheitsmaß in Sozialwissenschaftlichen Bevölkerungsumfragen: Erhebungsmethodische und inhaltliche Befunde auf der Basis von SHARE und SOEP
MEA Discussion Paper: 104-06 Karsten Hank,Hendrik Jürges,Jürgen Schupp,Gert G. Wagner

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