Enge Eltern-Kind-Beziehungen im alternden Europa

In Zeiten sozialer Unsicherheit wird in der öffentlichen Debatte vor dem ‚Verfall' der Gemeinschaft gewarnt. Im Zentrum steht hier die Familie als wichtigste soziale und mikroökonomische Einheit. Ihre Strukturen unterliegen nicht zuletzt bedingt durch sinkende Geburtenraten und eine steigende Lebenserwartung einem ständigen Wandel. Karsten Hank vom MEA hat sich mit der Frage beschäftigt, welche Ausprägung räumliche Nähe und Kontakthäufigkeit zwischen Eltern und Kinder im alternden Europa annehmen.

Auf Basis von Daten des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE), der 2004 in 11 europäischen Ländern erhoben wurde, wurde die räumliche Nähe und Kontakthäufigkeit zwischen Eltern im Alter 50+ und ihren Kindern untersucht. Es zeigt sich, dass im Wesentlichen zwei Ländergruppen unterschieden werden können. Erstens, die ‚nordischen' und mitteleuropäischen Länder, in denen zwischen knapp 50 % (Deutschland, Frankreich, Österreich, Schweiz) und gut 60 % (Dänemark, Niederlande, Schweden) der Eltern mindestens ein Kind haben, das maximal 25 km entfernt (aber nicht im elterlichen Haushalt) lebt. Ein ähnlich hoher Anteil (54-62 %) von Eltern in diesen Ländern hat mindestens einmal wöchentlich (aber seltener als täglich) Kontakt zu einem Kind. Dem stehen, zweitens, die Mittelmeerländer (Griechenland, Italien, Spanien) gegenüber, in denen das Zusammenleben unter einem Dach (55-63 %) und tägliche Kontakte (57-61 %) am weitesten verbreitet sind.

Auch in einer multivariaten Analyse, die eine Vielzahl individueller Merkmale der Eltern und Kinder berücksichtigte, fand sich ein signifikantes Nord-Süd-Gefälle der geographischen und sozialen Nähe zwischen den Generationen.

Zwar wirken im Allgemeinen Individualmerkmale unabhängig vom jeweiligen regionalen Kontext sehr ähnlich, es können jedoch auch kontextspezifische Effekte, z.B. des Alters der Eltern und der Kinder, beobachtet werden. Hierfür dürften sowohl unterschiedliche wohlfahrtsstaatliche Institutionen (etwa bei der Pflege älterer Menschen), als auch Unterschiede in sozialen Normen verantwortlich sein.

Die Untersuchung bestätigt damit einerseits die Existenz stabiler regionaler Muster ‚starker' und ‚schwacher' Familienbeziehungen. Gleichzeitig zeigen sich jedoch eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten: in allen SHARE-Ländern - und über alle Altersklassen hinweg - leben 85 % der beobachteten Eltern-Kind-Paare nicht mehr als 25 km voneinander entfernt, und der Anteil der Eltern, die seltener als wöchentlichen Kontakt zu einem ihrer Kinder haben, bewegt sich in Schweden und Spanien mit jeweils 7 % auf einem ähnlich niedrigen Niveau. Die Ergebnisse der Analyse geben daher insgesamt keinerlei Hinweise auf einen ‚Verfall' der Eltern-Kind-Beziehungen im alternden Europa des beginnenden 21. Jahrhunderts.


mehr Informationen:

Spatial Proximity and Contacts between Elderly Parents and Their Adult Children: A European Comparison
MEA Discussion Paper: 098-05 Karsten Hank

 

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