13.11.2015

Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Werden Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in unserem Bildungssystem benachteiligt? Welche Hürden haben sie tatsächlich? Wie können diese überwunden werden? Wie unterscheiden sich diesbezüglich die verschiedenen Herkunftsgruppen? Der neue von der Stiftung Mercator geförderte Sammelband „Ethnische Ungleichheiten im Bildungsverlauf“ beantwortet diese Fragen und gibt einen Überblick über die Ergebnisse der empirischen Forschung zum Thema.

München, 13. November 2015. Leistungsunterschiede zwischen Kindern und Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund sind bereits früh im Bildungsverlauf erkennbar. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Bildungslaufbahn. Hierfür sind vor allem die sozialen Voraussetzungen verantwortlich. Zwar lassen sich auch migrationsbezogene Einflüsse ausmachen wie im Bereich der Sprache; insgesamt sind diese aber weniger bedeutsam als die mit der sozialen Herkunft verknüpften. Zu diesen Ergebnissen kommen die Autoren des neu erschienenen Sammelbandes „Ethnische Ungleichheiten im Bildungsverlauf“.

In ihrer Zusammenstellung der zentralen Befunde weisen die Autoren auf deutliche Unterschiede im Abschneiden verschiedener Herkunftsgruppen hin: Türkischstämmige Kinder und Jugendliche erzielen zumeist deutlich schlechtere Ergebnisse als andere Migrantengruppen – etwa als Schülerinnen und Schüler, die selbst oder deren Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion stammen. Das zeige sich beispielsweise beim Übergang in eine betriebliche Ausbildung: Viele Studien finden für junge türkische Männer deutlich niedrigere Übergangsraten. In großen Unternehmen haben sie allerdings tendenziell bessere Chancen, was darauf hindeutet, dass die dort eingesetzten standardisierten Auswahlverfahren ethnischer Diskriminierung vorbeugen können.

Individuelle Diskriminierungen in Form von Beurteilungen der Lehrkräfte spielen im Bildungssystem hingegen keine große Rolle bei der Erklärung ethnischer Bildungsungleichheiten. Vielmehr ist es auch hier die soziale Herkunft, die die Entscheidungen von Lehrern eher zum Nachteil von Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern beeinflusst. Davon sind Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund allerdings überproportional häufig betroffen.

Neben diesen empirisch gefestigten Ergebnissen weisen die Autoren auf den eklatanten Mangel an geeigneten Daten und Studien hin. Deshalb brauche es vor allem kreative Forschungsdesigns, wie beispielweise breit angelegte Feldexperimente, erklärt Christian Hunkler vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik: „Nur so können wir verlässliche und umfassendere Aussagen über die Rolle institutioneller und struktureller Rahmenbedingungen treffen und herausfinden, ob und wie sich Änderungen oder bestimmte Maßnahmen auf ethnische Bildungsungleichheiten auswirken.“ Es spreche nämlich einiges dafür, dass sich das deutsche Bildungssystem im Umgang mit einer sozial, ethnisch und sprachlich zunehmend heterogenen Schülerschaft schwer tut. 

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HINTERGRUNDINFORMATIONEN

Einladung zur Buchvorstellung:

Am 18. November 2015 stellen die Herausgeber Claudia Diehl, Christian Hunkler und Cornelia Kristen das Buch im ProjektZentrum Berlin (PZB) der Stiftung Mercator öffentlich vor. Von 16:00 bis 19:00 Uhr gibt es Vorträge und Diskussionen zum Thema mit abschließendem Get-together. >> Hier können Sie sich anmelden

Informationen zum Band „Ethnische Ungleichheiten im Bildungsverlauf“:

Die Bildungsforschung hat in den letzten Jahren – teilweise bedingt durch die öffentliche Diskussion der Ergebnisse der Schulleistungsstudien – einen regelrechten Boom erfahren. Auch die Migrationsforschung erhielt im Zuge des offiziellen Bekenntnisses Deutschlands zur Zuwanderung („Deutschland ist ein Einwanderungsland“) einen enormen Auftrieb. Die Forschung zu ethnischen Ungleichheiten im deutschen Bildungssystem verbindet diese beiden Themen und behandelt gleichzeitig einen gesellschaftlichen Bereich, der für die späteren Lebenschancen besonders folgenreich ist. Der vorliegende Band soll einen Überblick über die Ergebnisse der empirischen Forschung in Bezug auf ethnische Bildungsungleichheiten geben. Die Autorinnen und Autoren identifizieren die wichtigsten und stabilsten Ergebnisse zu den behandelten Fragen, vergleichen diese überblicksartig, weisen auf Forschungslücken hin und diskutieren offene bzw. strittige Fragen. Der Band wurde von der Stiftung Mercator gefördert und ist bei Springer VS erschienen. >> zum Sammelband.

Über die Herausgeber:

  • Dr. Claudia Diehl ist Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Mikrosoziologie an der Universität Konstanz.
  • Dr. Christian Hunkler forscht am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München.
  • Dr. Cornelia Kristen ist Professorin für Soziologie, insbesondere Sozialstrukturanalyse, an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

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