04.04.2016

Die Entwicklung der Rentenlücke und das Sparverhalten deutscher Haushalte

Kurzfassung der aktuellen MEA Studie

Die MEA-Studie befasst sich mit der zukünftigen Entwicklung der sogenannten Rentenlücke, also dem Rückgang der Rentenzahlungen seitens der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV), die sich aufgrund der 2001 und 2004 eingeführten Beitragssatz- und  Nachhaltigkeitsfaktoren ergeben wird.
Zum einen werden am Beispiel des Standardrentners Simulationsrechnungen unter unterschiedlichen Annahmen durchgeführt. Zum anderen untersucht die MEA-Studie das Sparverhalten deutscher Haushalte und die individuellen Möglichkeiten, die Rentenlücke zu schließen, anhand zweier repräsentativer Datensätze. Die Standardprognosen als auch die Berechnungen mit Haushaltsdaten zeigen deutlich, dass eine kapitalgedeckte Zusatzrente das Sinken der gesetzlichen Rente abfedern kann: Im Durchschnitt sind Haushalte so abgesichert, dass sie auch bei einem länger anhaltenden niedrigen Zinsniveau die Rentenlücke füllen können. Durch das derzeit niedrige Zinsniveau wird es jedoch für einige Haushalte schwieriger, die Lücke vollständig zu schließen. Haushalte, die dies nicht können, weil sie bislang keine ausreichenden Ersparnisse gebildet haben, finden sich in allen Einkommens- und Bildungsschichten.

Effekte der Rentenreformen auf die Rentenlücke

MEA Berechnungen kommen zu dem Ergebnis, dass die Rentenlücke bis 2060 graduell auf ca. 9,5% des Durchschnittsentgelts anwachsen wird. Ohne die Einführung der „Rente mit 67“ würde die Rentenlücke um ca. einen Prozentpunkt größer ausfallen. Die Rentenlücke fällt außerdem durch die Rentenreform 2014 („Rentenpaket“ der Großen Koalition) in den Jahren 2015-2030 um durchschnittlich 0,7 Prozentpunkte größer aus. Zusammengenommen bedeutet dies, dass Renten im Jahr 2030 aufgrund der Reformen seit 2001 um ca. 12% geringer ausfallen werden als ohne diese Reformen. Damit wird ein sogenannter Standardrentner mit 45 Entgeltpunkten, der 2030 in Rente geht, ca. 160 Euro weniger Rente pro Monat erhalten.

Zinsniveau zur Schließung der Rentenlücke

Durch eine kapitalgedeckte Zusatzrente mit einer nominalen Verzinsung von mindestens 3,75% kann die Rentenlücke für Durchschnittsverdiener, die sich an den Regeln und Empfehlungen einer Riesterrente orientieren, geschlossen werden. Verlängert der Standardrentner seine Erwerbs- und Ansparzeit, indem er sein Rentenalter von 65 auf 67 verschiebt, reicht eine nominale Verzinsung von 3% aus um die Rentenlücke zu schließen.

Untersuchung des tatsächlichen Sparverhaltens deutscher Haushalte

Die empirische Untersuchung baut auf zwei repräsentativen Datensätzen auf: SAVE (Sparen und AltersVorsorge in Deutschland) und SHARE-RV, der in Zusammenarbeit mit der Gesetzlichen Rentenversicherung entwickelten deutschen Sub-Stichprobe des Surveys of Health Ageing and Retirement in Europe. Sie zeigt, dass die Rentenlücke basierend auf dem bisherigen und prognostizierten Einkommens- und Erwerbsverlaufs für SAVE Haushalte, die im Schnitt 49 Jahre alte sind, durchschnittlich 144 Euro beträgt; für SHARE-RV Haushalte, die durchschnittlich 55 Jahre alt sind, beträgt sie 114 Euro. Dies entspricht jeweils etwa 4,2% des eigenen letzten Einkommens. Die Rentenlücke ist größer für jüngere Haushalte, da diese später in Rente gehen und deshalb stärker von der aufklaffenden Lücke betroffen sein werden.

Ausgehend vom aktuellen Vermögen und bei konstantem Sparverhalten errechnen wir das erwartete Vermögen zu Rentenbeginn, das zur Verfügung steht, um die Rentenlücke auffüllen können. Wir legen unseren Berechnungen drei verschiedene Vermögenskonzepte zugrunde: (1) das Nettofinanzvermögen (Bruttofinanzvermögen abzüglich der Familien und Konsumentenkredite), (2) das Nettogesamtvermögen (Nettofinanzvermögen +  Immobilienvermögen abzüglich der Hypotheken und Bauspardarlehen) und (3) als „worst case“ eine asymmetrische Vermögensdefinition, bei der zwar alle Schulden (d.h. auch Hypotheken und Bauspardarlehen), nicht jedoch die Immobilienwerte berücksichtigt werden.

Betrachtet man nur das Nettofinanzvermögen, ist eine daraus gebildete Leibrente für die SAVE Haushalte sieben Mal so hoch wie die Rentenlücke. Bei zusätzlicher Berücksichtigung des Immobilienvermögens  ist eine entsprechende Leibrente sogar 20 Mal so groß wie die Rentenlücke. Selbst wenn man auch immobilienbedingte Schulden, nicht jedoch den Wert der Immobilien zugrunde legt, können die SAVE Haushalte die Rentenlücke im Durchschnitt zu mehr als 360% schließen. Den befragten Haushalten steht also im Durchschnitt mehr als hinreichend Vermögen zur Verfügung, um die Rentenlücke zu schließen.

Diese Durchschnittswerte sind allerdings stark vereinfachend, da es reiche Haushalte gibt, die ihre Rentenlücke weit überdurchschnittlich füllen können, und gleichzeitig arme Haushalte, die ihre Rentenlücke bei weitem nicht schließen können. Konkret bedeutet das: Unter Berücksichtigung des gesamten Vermögens können knapp 78% der Haushalte die Rentenlücke vollständig schließen, 22% jedoch nicht oder nur teilweise. Legt man nur das Finanzvermögen zugrunde, können nur 67% die Lücke vollständig schließen. Zwischen 8% und 11% der Haushalte haben eine so hohe Kreditbelastung, dass diese Haushalte nicht nur die Rentenlücke nicht schließen können, sondern zu Rentenbeginn noch verschuldet sind. Die übrigen Haushalte können die Lücke zumindest teilweise füllen.

Die Auswertung der SHARE-RV Daten führt zu vergleichbaren Ergebnissen.

Auswirkungen der Niedrigzinsen

Bei einer nominalen Verzinsung von 4.5% im Vergleich zu 2% sinkt der Anteil der SAVE Haushalte, die die Rentenlücke nicht schließen können um etwa 4 bis 6 Prozentpunkte. Eine höhere Verzinsung treibt die Schere zwischen armen und reichen Haushalten weiter auseinander, denn höhere Zinsen machen es für Haushalte mit hohem Vermögen leichter und für verschuldete Haushalte schwerer, die Rentenlücke zu füllen. Für Haushalte mit keinem oder sehr geringem Vermögen hat ein hoher Zins kaum Auswirkungen. Daher ebnet der Niedrigzins die Vermögensungleichheit spürbar ein.

Sparverhalten größte Herausforderung

Die Hauptschwierigkeit beim Schließen der Rentenlücke ist demnach derzeit nicht primär die niedrige Verzinsung sondern die Tatsache, dass viele Haushalte (mehr als 40%) nicht sparen. Aufgrund früherer Studien schließen wir, dass dies nicht an einer zu geringen Förderung, sondern an erheblichen Informationsmängeln über die Förderberechtigung, Vermögenssteigerungen von Ersparnissen und die eigene Lebenserwartung liegt. Eine Betrachtung nach sozio-demographischen Charakteristika zeigt, dass insbesondere jüngere Haushalte, Haushalte mit geringem Einkommen und niedrigem Bildungsstand Schwierigkeiten beim Füllen der Rentenlücke haben.

Fazit: Die Rentenlücke wird sich zunehmend vergrößern und eine zusätzliche private oder betriebliche Altersvorsorge ist bereits jetzt für alle Generationen notwendig, um diese Lücke zu schließen oder zu verringern. Das Versäumnis zu sparen kann auch durch eine höhere Verzinsung nicht wettgemacht werden. Höhere Zinsen wirken sich bei Vorhandensein einer kapitalgedeckten Zusatzrente positiv auf die Wahrscheinlichkeit aus, die Rentenlücke füllen zu können. Bei Berücksichtigung aller Vermögenswerte wird allerdings deutlich, dass höhere Zinsen insbesondere für Haushalte mit kaum oder keinem Vermögen oder gar für verschuldete Haushalte nur geringe positive bzw. negative Effekte haben können.

Hier können Sie die >> gesamte Studie (PDF-Dokument) herunterladen (in Englisch) inklusive einer ausführlichen Zusammenfassung der Berechnungen (in Deutsch).


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